B 5. Kartographische Spurenkonzepte

5. Kartographische Spurenkonzepte

Zum Gebrauch von Metaphern und Bildern liegen, wie gezeigt wurde, zahlreiche Beiträge vor, in denen der gesellschaftliche Stellenwert beider Repräsentationsformen thematisiert wird und zum anderen die Bedingungen unterschieden werden, nach denen die Wissensübertragung bzw. Wissensgewinnung zu erzielen ist. Dazu sollen nun theoretische Ansätze verschiedener „Spurenkonzepte“ diskutiert werden, die vorgeben, dass aus sprachlichen Texten – und damit gegebenenfalls auch aus Karten – Informationen und Wissen über den eigentlich repräsentierten Inhalt hinaus abgeleitet sowie Bedeutungselemente verknüpft werden können. Spurenkonzepte beschreiben, wie aus sprachlichen Texten, Bildern und gegebenenfalls kartographischen Abbildungen Informationen und Wissen über den eigentlich repräsentierten Inhalt hinaus abgeleitet sowie verknüpft werden können.

5.1 Spurenkonzepte im Rahmen kartographischer Erkenntnis- und Arbeitsbereiche

Die Wirksamkeit „kartographischer Spurenkonzepte“ kann in den Rahmen kartographischer Herstellungs- und Gebrauchsprozesse gestellt und damit verdeutlicht werden, welcher Zusammenhang zwischen visuell-gedanklichen und kommunikativen Prozessen in Karten sowie der Konzeption, Herstellung und Anwendung von kartographischen Medien besteht. Im Folgenden soll mit der Darstellung von Entwicklungstendenzen in kartographischen Erkenntnis- und Arbeitsbereichen, wie sie schon in den vorherigen Kapiteln zum Teil differenzierter ausgeführt wurden, ein zusammenfassender Überblick gegeben werden (vgl. dazu auch Dickmann 2018): Kartographische Erkenntnis- und Arbeitsbereiche als Rahmen kartographischer Spurenkonzepte:
  • Zur theoretischen Differenzierung der kartographischen Informations- und Wissensgewinnung werden vor allem die Zeichentheorien nach F. de Saussure, Ch. S. Peirce und Ch. W. Morris verwendet (vgl. Koch 2002c). Besonders hat sich die sogenannte triadische Zeichenrelation durchgesetzt mit der Differenzierung in einen syntaktischen, einen semantischen und einen pragmatischen Aspekt (Dimension). Der syntaktische Aspekt, vertreten als „Zeichenträger“ oder „Signifikant“, beschreibt Zeichen als materielle und konstruktive Gegenstände, die als Repertoire formaler Zeichenmuster in ihren diversen Formen und Relationen und gegebenenfalls als „Kartographische Modellformen“ präsentiert werden. Der semantische Aspekt der Zeichenrelationen als „Signifikat“ bzw. „Designat“ beschreibt den Inhalt oder die Bedeutung von Zeichen, nach J. Bertin allerdings reduziert in einem sogenannten „monosemiotischen Zeichensystem“. In diesem System werden die strukturellen Eigenschaften der Bedeutung als „Gliederungsstufen“ bzw. Skalierungsniveaus unterschieden, die sich reizbedingt und konventionell aus der Wirkung von Zeichenreihen bzw. von sogenannten „Graphischen Variablen“ ergeben. Der pragmatische Aspekt, als „Interpretant“ bzw. „Interpret, wird im Zusammenhang mit der visuell-gedanklichen Aufnahme und Verarbeitung physisch sichtbarer Zeichenstrukturen und ihrer Bedeutungen sowie deren soziale, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Verwertung unterschieden.
    Insgesamt stützen sich die meisten Erkenntnis- und Theorieansätze der Kartographie unmittelbar oder im übertragenden Sinn auf diese relativ deutliche triadische Trennung von Zeichenaspekten der Informations- und Wissensgewinnung.
Kartographische Zeichentheorie nach F. de Saussure, Ch. S. Peirce und Ch. W. Morris als „triadische Zeichenrelation“ (vgl. Koch 2002c) mit einem

  • syntaktischen Aspekt als „Zeichenträger“ oder „Signifikant“ mit Zeichen als materielle und konstruktive Gegenstände;
  • semantischen Aspekt als „Signifikat“ bzw. „Designat“ mit dem Inhalt oder der Bedeutung von Zeichen;
  • pragmatischen Aspekt, als „Interpretant“ bzw. „Interpret mit der visuellen Aufnahme und Verarbeitung von Zeichen sowie deren gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Verwertung.
  • Im konzeptuellen und technologischen Bereich der Kartographie ist besonders seit den 1950er Jahren ein hoher Grad an Formalisierung vor allem in der sogenannten „thematischen Kartographie“ entstanden. Dieser Trend hat sich später zum einen durch die Einbindung der oben genannten zeichentheoretischen und kommunikationstheoretischen Erkenntnissen als „kartographische Visualisierung“ weiter entwickelt und führte zum anderen durch die digitale und elektronische Aufbereitung von Daten und Karten zu völlig neuen Herstellungs-, Präsentations- und Gebrauchsformen. Außerdem vollzog sich eine Spezialisierung des inhaltlichen Aspekts der Kartenherstellung, also die weitgehende Separierung der Fachdatenaufbereitung in den Geo- und Umweltwissenschaften, mit der sich der inhaltliche Aspekt der Kartenherstellung im Rahmen der sogenannten „Kartenredaktion“ bzw. des „Kartenentwurf“ auf die graphisch-digitale Bearbeitung von kartographischen Daten und Medien verlagert hat.
    Dieser Trend hat sich weiterentwickelt, indem einerseits durch den Einsatz von „Geoinformationssystemen“ und „Kartenkonstruktionssystemen“ die Kartenvisualisierung zunehmend teilautomatisch erfolgt und daher auch von kartographisch weniger visierten Fachwissenschaftlern übernommen werden kann. Außerdem haben sich besonders für den Bereich der Stadtplanung, -modellierung und -analyse neben Karten besonders 3D-Visualisierungen durchgesetzt, mit deren Hilfe realitätsnahe Stadtansichten präsentiert und analysiert werden können. Weiterhin hat sich die Ausrichtung von Karten auf die visuell-explorative Raumanalyse, als ein ehemals wichtiges Anwendungsgebiet thematischer Karten, stark reduziert: Visuelle Analyseformen werden in vielen Anwendungsbereichen der Kartographie durch digital-statistische Methoden und Verfahren abgelöst, so dass sich vor allem bei „wissenschaftlichen“ Karten deren visuell-analytischen zu mehr kommunikativen und präsentativen Funktionen ausgerichtet haben.
Seit den 1950er Jahren ist eine zunehmende Formalisierung im Bereich der „thematischen Kartographie“ festzustellen. Daraus haben sich entwickelt:

  • zeichen- und kommunikationstheoretische Erkenntnisse als „kartographische Visualisierung“;
  • digitale und elektronische Aufbereitung von Daten und Karten sowie Entwicklung der 3D-Visualisierung;
  • Separierung der wissenschaftlichen Fachdatenaufbereitung im Bereich der kartographischen Visualisierung;
  • Ablösung visueller Analyseformen durch digital-statistische Methoden und Verfahren.
  • Ein dritter Aspekt der Entwicklung der Kartographie ist die Verfügbarkeit und Verbreitung kartographischer Geodaten und Medien in der Gesellschaft und speziell in georäumlich arbeitenden Wissenschaften und Institutionen. Der Ausdruck Verfügbarkeit kann dabei als „externe Verfügbarkeit“ gesehen werden, wenn zum einen traditionelle kartographische Institutionen und Einrichtungen gemeint sind, die über Geodaten verfügen oder diese erfassen und frei oder mit bestimmten Auflagen z.B. digital zur Verfügung stellen. Zum anderen können damit – vor allem im Zusammenhang mit dem Internet – Kartenanwendungen angesprochen sein, die sich von einer ehemals rein kartographischen Ebene auf zum Teil verwandte Bereiche, wie etwa der „Infographik“ und der „wissenschaftlichen Visualisierung“ oder auf Gebiete außerfachlicher Interessensgruppen verlagert haben und die in ihrer Vielzahl kaum noch zu überblicken sind. In derem Rahmen werden z.B. Geodaten selbständig erfasst und im Internet frei zur Verfügung gestellt, woraus sich umfangreiche Netzwerke ergeben, auf deren Basis ein reger Austausch von kartographischen Daten und Medien erfolgt. Ein Kennzeichen dieser Aktivitäten ist allerdings, dass häufig auf das zur Verfügung stehende kartographische Fachwissen verzichtet wird und dadurch die Gefahr besteht, dass Kartenprodukte vielfach nur mit eingeschränkten Wirkungen angeboten werden.
    Zum anderen lässt sich eine „interne Verfügbarkeit“ von kartographischen Daten und Medien unterscheiden. Dieses bedeutet, dass die visuelle und gedankliche Aufnahme kartographischer Informationen beim Nutzer davon abhängig ist, inwieweit die inhaltlichen, gestalterisch-optischen und technischen Eigenschaften der entsprechenden kartographischen Medien auf die Bedürfnisse und mentalen Fähigkeiten der Gesellschaft generell oder auf bestimmte Nutzergruppen ausgerichtet sind. Dazu werden visuell-kognitive Prozesse und Leistungsfähigkeiten untersucht bzw. ermittelt und deren Ausprägungen nach bestimmten Eigenarten von Handlungssituationen unterschieden. Außerdem wird der Bedarf an georäumlichen Informationen im Rahmen dieser Handlungssituationen festgestellt und die Bedingungen analysiert, unter denen diese Informationen kommunikativ und handlungsorientiert genutzt werden.
Verfügbarkeit kartographischer Daten und Medien:

Externe Verfügbarkeit: durch Institutionen und Einrichtungen, die Geodaten und Karten frei oder mit bestimmten Auflagen digital zur Verfügung stellen; Verlagerung kartographischer Arbeit auf außerfachliche Interessensgruppen zur Kommunikation im Internet;

 

 

 

 

Interne Verfügbarkeit: als Prozesse visuell-gedanklicher Aufnahme kartographischer Informationen; dazu Untersuchung der visuell-kognitiven Leistungsfähigkeiten beim Kartennutzer und Feststellung des kommunikativen und handlungsorientierten Bedarfs von kartographischen Daten und Medien.

Der Überblick soll zeigen, dass sich in der Kartographie hinsichtlich der Erkenntnisbildung, der Ausstattung von Arbeitsfeldern und der Organisation von Anwendungen unterschiedliche Entwicklungen und Anforderungen ergeben haben. Ein zentraler Faktor ist dabei, dass sich die Anforderungen in der Regel in inhaltlicher, methodischer und technischer Hinsicht deutlich getrennt darstellen, so dass sich daraus nur bedingt eine einheitliche Zuordnung von Spurenansätzen bzw. -theorien zu kartographischen Wahrnehmungs- und Wissensbildungsformen ableiten lässt. Insgesamt haben sich in der

  • kartographischen Erkenntnisbildung,
  • Ausstattung von Arbeitsfeldern,
  • Organisation von Anwendungen

unterschiedliche Entwicklungen und Anforderungen ergeben.

5.2 Kartographische Zielorientierung oder individuelle Interessen

Die Ableitung von Informationen und Wissen aus Karten wird besonders von der Form der Zielorientierung des Kartenangebots und den vorgegebenen Handlungs- und Kommunikationsverhältnissen bestimmt. Das heißt, sind solche Ziele oder Fragestellungen auf implizit vorgegebene Themenstrukturen ausgerichtet, verbunden mit einem entsprechenden Anwendungszusammenhang, werden sie in der Regel auch kommunikativ und gedanklich entsprechend umgesetzt. Der Bedingungsrahmen einer solchen „Zielorientierung“ kommt besonders in den verschiedenen Handlungsfeldern der Kartographie zum Tragen (vgl. Kap. 2.4).

Alternativ zu konkreten inhaltlichen Zielen sind Anfragen denkbar, die nicht unmittelbar von der in der Karte repräsentierten Themenstruktur ausgehen, sondern von situativen oder individuellen Bedürfnissen, Erwartungen und Erfordernissen, wie etwa Kontrolle eines bestimmten Inhaltsbestandes, Erkundung von vage erinnerten Sachverhalten, Bildung eines Themenquerschnitts oder vorausschauende Konzeption von Rezeptionsstrategien. Des Weiteren können es aktuelle gesellschaftlich oder situationsspezifische Fragen sein, die sich nicht unmittelbar aus dem repräsentierten Karteninhalt ergeben, die aber momentan im Vordergrund stehen und die im Wahrnehmungsverlauf zu einer spezifischen Form der Informationsgewinnung führen. Diese spezifischen Intentionen können besonders durch „Spurenhinweise“ herbeigeführt oder unterstützt werden.

Einerseits wird die Ableitung von Informationen aus Karten durch eine vorgegebene Zielorientierung sowie von speziellen kartographischen Handlungs- und Kommunikationsanweisungen gesteuert.

Alternativ sind Anfragen denkbar, die nicht unmittelbar von der in der Karte repräsentierten Themenstruktur ausgehen.

Oder es können gesellschaftlich relevante oder situationsspezifische Fragen sein, die die momentan im Vordergrund stehen und die im Wahrnehmungsverlauf zu einer spezifischen Form der Informationsgewinnung führen.

5.2.1 Die Karte als Bild und mediale Konstruktion

Zur Auseinandersetzung mit sprachtheoretischen Spurenansätzen soll vorab diskutiert werden, ob Karten eine feinere bedeutungstragende Strukturiertheit aufweisen als Bilder oder bildliche Graphiken und daher anspruchsvollere räumliche und inhaltliche Bedeutungsabfragen möglich machen. Diese Bedeutungsabfragen implizieren aufwendigere Blickverläufe und gedankliche Konzeptbildungen, die so im Bereich der Bildinterpretation weniger eine Rolle spielen. Welcher Unterschied besteht also bei der Ableitung und konzeptuellen Zusammenfassung von Bedeutungen im bildlichen und kartographischen Wahrnehmungsverlauf und in welchem Zusammenhang stehen diese Vorgänge mit sprachlichen bzw. textverarbeitenden Vorgängen? Karten weisen häufig eine feinere bedeutungstragende Strukturiertheit auf als Bilder oder bildliche Graphiken.

Welcher Unterschied besteht zwischen der Zusammenfassung von Bedeutung in Karten, Bildern und Texten?

Bilder ermöglichen vor allem die mentale Reproduktion visuell zugänglicher Gegenstände und Sachverhalte (vgl. dazu Kap. 4.1). Diese Reproduktionen sollen eine Vorstellung des abgebildeten Gegenstands oder Sachverhalts hervorrufen. Allerdings bieten sie aufgrund der im Wahrnehmungsprozess wirkenden optischen Bedingungen, wie Bildausschnitt, perspektivische Sicht, Bildgröße, Detailliertheit und Realitätsnähe, lediglich bestimmte visuelle Aspekte der Realität an, die nur zu einer angenäherten Vorstellung des Gegenstandes führen und die wiederum nur in Form von Teilansichten bildlich vorgestellt werden können. Allerdings spielen bei der gedanklichen Konzeptbildung, neben der unmittelbaren Ansicht, zusätzlich verfügbares Wissen zum jeweiligen Gegenstand sowie konnotative und kontextuelle Faktoren eine Rolle, so dass die gedankliche Bildkonzeption über die angebotenen Merkmale des Bildes hinausführt. Bilder sollen eine Vorstellung von einem abgebildeten Phänomen hervorrufen. Es wird aber aufgrund der vorgegebenen Bildsicht, Perspektive, Größe, Detailliertheit und Realitätsnähe nur eine begrenzte Menge von Merkmalen angeboten.

Durch verfügbares Wissen sowie konnotative und kontextuelle Faktoren wird diese Sicht erweitert.

Titzmann (1988, S. 378) sieht die Funktion eines Bildes besonders im Verhältnis zum Text: „Im Gegensatz zum Text, bei dem durch die Kodiertheit des Sprachsystems diskrete Signifikanten und Signifikate vorgegeben sind, ist das Bild zunächst ein Kontinuum nichtdiskreter Zeichenparameter, das erst durch die Projektion hypothetisch angenommener Signifikate auf das Bild als eine Menge diskreter Signifikanten strukturiert wird: was Zeichen ist, entscheidet sich in der Funktion der Bedeutung“. Es soll also damit angedeutet werden, dass Details eines Bildes lediglich als zugehörige Elemente der Gesamtansicht eines Phänomens gedeutet werden und sie erst durch die visuell-gedankliche Separierung zu Zeichen eine Bedeutungszuordnung erfahren. Dies gilt allerdings nicht grundsätzlich, denn wenn z.B. bei der Abbildung von komplexen Sachverhalten oder Prozessen verschiedene Objekte (Elemente) in einer sichtbaren funktionalen Beziehung stehen, werden die Objekte nicht vorab als Elemente einer Einheit, sondern können von vorneherein als selbständige Details erfasst werden. Details eines Bildes werden lediglich als zugehörige Elemente der Gesamtansicht eines Phänomens erfasst und erfahren erst durch eine visuell-gedankliche Separierung zu Zeichen eine Bedeutungszuordnung.

Bei der Abbildung von Sachverhalten, denen verschiedene Objekte zugehören, werden diese aber vermutlich seperat und unmittelbar als selbständige Details erfasst.

Diese Annahme führt dann auch gleichzeitig zu einer möglichen bildähnlichen Wirkung von Karten. Bei einem unmittelbaren bzw. phänomelogischen Blick auf eine „naturähnliche Karte“ oder „physische Karte“ wird sich vermutlich spontan der Eindruck eines einheitlichen Kartenbildes ergeben (vgl. Bollmann et al. 1970). Bei dem dann folgenden mentalen Zugriff auf einzelne Elemente oder Muster, ergibt sich die gesamte Breite und Differenziertheit kartographischer Wahrnehmung und Konzeptbildung. Danach kann die vorgestellte Beziehung zwischen Georaum und Karte zum einen über den optischen Gesamteindruck und zum anderen über die einzelnen visuell zugänglichen georäumlichen Elemente und Relationen als Bilddetails hergestellt werden. Dazu führt Nohr (2002) allgemein aus: Die weitaus einfachste Form „sich mit dem Raum auseinanderzusetzen, dürfte die Verbildlichung der räumlichen Umgebung darstellen, also die Auftragung einer dreidimensionalen, subjektiv wahrgenommenen Umweltanmutung unter strukturierenden Parametern in eine zweidimensionale Darstellung: die Landkarte als bildlich-reduktives Modell des Raumes.“ (S. 92). Die Beziehung zwischen Georaum und Karte kann also einmal über den optischen Gesamteindruck oder aber über einzelne, visuell zugängliche georäumliche Elemente und Relationen als Bilddetails hergestellt werden.
Bei der mentalen Differenzierung der Karte, werden unmittelbar deren systematisch verortete Einzelobjekte und mittelbar deren nicht explizit definierte Relationen erkennbar. Sie können aber entsprechend eines Dokumentes unter den verschiedensten Blickwinkeln gesehen werden:

  • als eine Art objektive Realität,
  • als durch einen Entdecker, Kartenmacher oder Wissenschaftler künstlich hergestellten Gegenstand (Artefakt),
  • als eine Erzählung (Narration) oder
  • als eine Fiktion
Die mentale Differenzierung einer Karte könnte wie bei einem Dokument unter den verschiedensten Perspektiven gesehen werden:
Als Grundannahme sollte nach Hepp (1999) dem Status der Karte aber „Konstruktivität“ und eine „Unabgeschlossenheit“ von Repräsentationen unterstellt werden. Unter Repräsentationen wird dann die Bedeutungsstruktur auf der Basis der georäumlichen Objektverteilung gesehen. In der Frage der daraus erfolgenden strukturellen Prozesse fächert sich der Repräsentationsbegriff in eine Fülle von Differenzierungen auf. So ließe sich die Dikussion der Objektrepräsentation beispielsweise auf ikonischer, symbolischer, semiotischer, integraler oder homöomorpher Ebene führen (Cadoz 1998). Als Grundannahme sollte dem Status der Karte „Konstruktivität“ und eine „Unabgeschlossenheit“ von Repräsentationen unterstellt werden.
Die Dikussion der Objektrepräsentation ließe sich dann auf absoluter, ikonischer, symbolischer, semiotischer, integraler oder homöomorpher Ebene führen.

5.2.2 Kulturwissenschaftliche Betrachtungen zur Karte

Mögliche kartographische Spurenkonzepte lassen sich nicht allein aus dem zurzeit vorliegenden Erkenntnisfundus der Kartographie entwickeln. Vielmehr ist es sinnvoller, dazu sprach- und textwissenschaftliche Erkenntnisse heranzuziehen und generell die kulturwissenschaftliche Diskussion zur Kartographie zu beobachten. So ist es allerdings kaum noch möglich – wie es Siegrid Weigel (2015) für die Bildwissenschaften sinngemäß beschreibt – das weite Feld der gegenwärtigen disziplinübergreifenden Publikationen zum Thema Karte oder Kartographie zu überblicken. Pointiert sollen dazu zwei sich unterscheidende Publikationstendenzen beispielhaft skizziert werden: Zur Frage möglicher Spurenkonzepte sollen als Beispiel zwei kulturwissenschaftliche Publikationstendenzen herausgestellt werden:
Mark Monmonier hat in einer relativ frühen Veröffentlichung zum Medium Karte, zur kartographischen Erkenntnisbildung und damit zur Kartographie insgesamt folgendes zusammenfassend (und humorvoll?) ausgeführt (1991, dt.1996, S. 255): „In den vorangegangenen Kapiteln haben wir uns mit dem weiten Spektrum kartographischer Lügen befasst: den kleinen Notlügen, die unerlässlich sind, den manipulativen Lügen, die den Leser täuschen sollen, und den unabsichtlichen Unwahrheiten, die sich ergeben, wenn wohlmeinende Kartenverfasser mit den Prinzipien graphischer Logik und kartographischer Generalisierung nicht vertraut sind. Ein vorsichtiger Kartenbenutzer ist deshalb stets auf der Hut vor den verwirrenden oder irreführenden kartographischen Produkten unwissender oder böswilliger Kartographen.“ Zum einen nach M. Monmonier:

es existiert „ein weites Spektrum kartographischer Lügen“:

„den kleinen Notlügen, die unerlässlich sind, den manipulativen Lügen, die den Leser täuschen sollen“ etc.

Ein ähnliches Beispiel stellen die Ausführungen – oder die „Polemik“, wie die Medienwissenschaftlerin Marion Picker (2013, S.8) schreibt – von Denis Wood (2003) dar, in denen u.a. kartographische Institutionen bzw. deren technischer und wissenschaftlicher Anspruch pauschal in Frage gestellt werden. Für Wood gibt es eine neue Sicht auf die Kartographie, in der die Konzeption, Fertigung und Verwendung von Karten allen frei steht, sie also besonders für fachliche Laien relevant bzw. zugänglich sein sollten. Die Form und die Inhalte dieser beiden Beispiele können (oder sollen?) zu einer negativen Signalwirkung führen und tragen sicherlich nicht dazu bei, den Lesern einen verständlichen und erklärenden Überblick zum Status von „Karte“ und „Kartographie“ zu vermitteln, was auch nur bedingt durch die Ausführungen derselben Autoren an späterer Stelle relativiert wird. und sinngemäß nach D.Wood:

Die Konzeption, Fertigung und Verwendung von Karten steht allen frei, sollte also besonders für fachliche Laien relevant bzw. zugänglich sein.

 

Demgegenüber stehen beispielsweise die Publikationen von Rolf Nohr (2002) aus medienwissenschaftlicher und von Sybille Krämer (2007) aus philosophischer Sicht. Besonders mit der Dissertation von Nohr („Karten im Fernsehen“) liegt eine umfassende kultur- und medienwissenschaftliche Analyse von Karten und zur Kartographie vor, in der besonders deren gesellschaftlicher Stellenwert unter besonderer Berücksichtigung raumtheoretischer Aspekte der „subjektiven Positionierung“ in kartographischen Medien eine Rolle spielt. In Anlehnung an diese Arbeiten kann konstatiert werden, welcher Stellenwert ein „ausgeweiteter gedanklicher Zugriff“ auf georäumliche Informationen in Karten zukommen kann. Oder, wie es Rolf Nohr sinngemäß vermittelt, wie kartographische „Repräsentationskonzepte“ zu „Diskursformen“ werden können, mit dem Ziel, den Nutzer einer Karte in der Position zu sehen, über die vom Kartenhersteller intendierten Zeichenbedeutung hinaus, individuell oder gesellschaftlich relevante Bedeutungen aus eine Karte abzuleiten bzw. gedanklich einzubringen. und alternativ

als Beispiele die Dissertation von Nohr („Karten im Fernsehen“) als differenzierende kultur- und medienwissenschaftliche Analyse von Karten und Kartographie.

Allgemein ist die gesellschafts- oder medienwissenschaftliche Betrachtung kartographischer Repräsentationsbedingungen und -prozesse – im Gegensatz zur Arbeit von Nohr – häufig sehr theoretisch (realitätsfern) und pauschalisierend gehalten. Die oben angeführte „homöomorphe Ebene“ bei Claude Cadoz (1998) führt dabei beispielsweis abweichend zu Gesichtspunkten, die in der kulturwissenschaftlichen Literatur zur Kartographie nur selten explizit differenziert werden. Homöomorphismus, als zentraler Begriff des mathematischen Teilgebiets der Topologie, geht von einer vollständigen Paarbildung zwischen den Elementen von Definitionsmenge und Zielmenge bei einer stetigen Abbildung zwischen zwei topologischen Räumen aus. Das bedeutet, auf die Kartographie übertragen, die Frage nach dem Verhältnis der Verzerrung bei der Ansicht einer Karte in einem bestimmten Maßstab gegenüber der Karte in einem anderen Maßstab (oder der Realität), bei der die Objektmenge erhalten („bijektiv“) bleibt (vgl. auch „Isomorphie“; Koch 2001d). Der Hintergrund dieser Diskussion ist u.a. die erforderliche Vorgehensweise der Kartographie, im Rahmen der Kartenmodellierung Generalisierungsmethoden anzuwenden, die in ihren repräsentativen Auswirkungen grundlegend sind, aber in den entsprechenden Ausführungen der Kultur- und Medienwissenschaften nur selten nachvollzogen bzw. überhaupt berücksichtigt werden. generell ist die kultur- oder medienwissenschaftliche Betrachtung kartographischer Repräsentationsbedingungen und -prozesse häufig sehr theoretisch und pauschalisierend gehalten.

Zum Beispiel wird die Anwendung von Generalisierungsmethoden in Ausführungen der Kultur- und Medienwissenschaften nur selten nachvollzogen bzw. überhaupt berücksichtigt.

Ein weiterer Aspekt kartographischer Wissensbildung wird bei Rolf Nohr im Untertitel seiner Arbeit und in seinen weiteren Ausführungen mit dem Begriff der „Positionierung“ herausgestellt. Dieser Begriff meint, dass sich der Rezipient in einer kartographischen Repräsentation individuell in eine gedachte Position einbringt, um von dort eine mentale Beziehung zur abgebildeten Realität einzugehen. Dieser Auslegung hängt mit der häufig in den Mittelpunkt gestellten „Positions- oder Routenfindung“ zusammen, die in der kulturwissenschaftlichen Literatur in der Regel als Rahmenwissen für weitgehende Ausführungen verwendet wird. Rolf Nohr:

Positionierung meint, dass sich der Rezipient in einer kartographischen Repräsentation in eine gedachte Position einbringt, um von dort eine mentale Beziehung zur abgebildeten Realität einzugehen.

Zwar sind Orte und Routen wichtige Merkmale kartographischer Repräsentation und dienen der unmittelbaren Identifikation der abgebildeten Realität, sind aber häufig lediglich Merkmale einer übergeordneten Strukturfindung, was in der genannten Literatur aber in der Regel nicht ausreichend thematisiert wird. Das bedeutet, dass sich die kartographische Wissensbildung nicht auf die elementaren Funktionen der Orts- und Routenfindung reduzieren lässt, wie es in neuerer Zeit häufig in der Literatur vertreten wird (vgl. z.B. Picker 2013, S. 15f), sondern dass sich, auch im Zusammenhang mit neuen technologischen Entwicklungen in der Kartographie, die Ableitung von Wissen auf eine erheblich umfangreicheres Angebot von Informationsstrukturen stützen kann. Orte und Routen sind wichtige Merkmale kartographischer Repräsentation und dienen der unmittelbaren Identifikation der abgebildeten Realität, sind aber häufig lediglich Merkmale einer übergeordneten Strukturfindung.
Insgesamt bewegt sich die Einschätzung von Karte und Kartographie also zwischen einerseits oberflächlich bleibenden Ausführungen mit pauschalen Bewertungen der Karte als „Artefakt“ und andererseits differenzierten geisteswissenschaftlichen Betrachtungen als „relevantes Kommunikationssystem“ mit weitreichenden gesellschaftlichen Funktionen und Nutzen. In diesem Sinn werden die Funktion und der gesellschaftliche Wert von Karten und kartographischen Systemen auch in vielen Bereichen der Kartographie selbst reflektiert oder bewertet. Eine Ausweitung von Kartenfunktionen zum Beispiel unter Berücksichtigung von Spureneffekten wird sich aber nur im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung im gesamtkommunikativen Kontext vollziehen, deren Ziele und Ergebnisse allerdings noch nicht abzusehen sind und wie auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Institutionen zu folgenreichen Auffassungen und Entwicklungen führen wird. Karten werden also

  • einerseits pauschal als „Artefakt“ und
  • andererseits als „relevantes Kommunikationssystem“ mit weitreichenden gesellschaftlichen Funktionen und Nutzen eingeschätzt.