B 5.3 Sprach- und kulturwissenschaftliche Spurenkonzepte

5.3 Sprach- und kulturwissenschaftliche Spurenkonzepte

Nach Rolf Nohr „ist eine Karte eine Mischform unterschiedlicher kommunikativer Zeichensysteme. Sie ist eine Mischform textueller, graphischer und bildlicher Elemente, die nicht nur additiv, sondern kombinant neue Bedeutungen und Aussagen produzieren“ (2002, S. 61). Wie in der vorliegenden Arbeit schon gezeigt wurde, lassen sich allein für die graphischen bzw. reizbedingten Aspekte des kartographischen “Zeichensystems“ unterschiedliche Bedeutungsebenen unterscheiden, wie etwa die Bereitstellung von Ordnungen und Bewertungen oder die symbolischen, ikonischen, ikonographischen, indexikalischen und konstruktiven Zuordnungen von Bedeutungen (vgl. Teil A Kap. 4.1). Die Realisierung dieser Bedeutungszuordnungen ergibt sich aus einem unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem vorgegebenen Wahrnehmungsziel, das in einer Handlungssituation bestimmt wird (vgl. Kap. 5.2) und einem Kartenrezipienten, der dieses Ziel durch die Aufnahme von Informationen und Wissen zu erreichen versucht. Häufig werden mit diesem konventionellen Automatismus aber die Möglichkeiten, die in einem Medium – nicht nur in einer Karte – angeboten werden, nur unvollkommen genutzt. R. Nohr unterscheidet Bedeutungsaspekt kartographischer Zeichensysteme:

  • die Bereitstellung von Ordnungen und Bewertungen,
  • die symbolischen, ikonischen, ikonographischen, indexikalischen und konstruktiven Zuordnungen von Bedeutungen;

diese Unterscheidungen werden nach Nohr häufig nur unvollkommen genutzt.

Die vermutete eingeschränkte Möglichkeit der Ableitung von Informationen und Wissen aus sprachlichen oder bildlichen Repräsentationen wird mit der sogenannten Kulturtechnik des „Spurenlesens“ oder der Spurenverfolgung aufgegriffen, bei der hinter einer in einem Satz oder Bild repräsentierten Bedeutung ein weiterer Bedeutungsaspekt angenommen wird, der nicht abgebildet ist, sondern der als „gedanklicher Abdruck“ dessen, was als Bedeutung erkannt wird, entdeckt werden muss. Dazu sollen Anzeichen aufgegriffen und vor deren Bedeutungshintergrund gedanklich konzeptualisiert werden. Da sich mit dieser Möglichkeit des Text-, Bild- und vermutlich auch Kartenverständnisses, die Wissensbildung aus der Perspektive von Zeicheninhalten verändern und erweitern kann und damit mehr in die Kompetenz und die Bedürfnisse des „Rezipienten“ verlagern würde, sollen im Folgenden philosophische, sprach- und texttheoretische Ansätze untersucht und deren Stellenwert für die kartographische Wissensbildung abgeschätzt werden. Im Zusammenhang mit der „eingeschränkten“ Ableitung von Informationen und Wissen aus sprachlichen oder bildlichen Repräsentationen wird die Kulturtechnik des „Spurenlesens“ diskutiert.

Es wird damit hinter einer in einem Satz oder Bild repräsentierten Bedeutung ein weiterer Bedeutungsaspekt angenommen.

 

Dabei muss angemerkt werden, dass in den weiteren Ausführungen mit dem Prozess der „Rezeption“  der Vorgang der „verstehenden“ Aufnahme oder Deutung von Zeichenbedeutungen im Rahmen eines kartographischen Wahrnehmungsprozess gemeint ist und weniger der sensorische oder visuelle Aspekte der Zeichenwahrnehmung. Mit „Rezeption“ ist die „verstehende“ Aufnahme von Zeichenbedeutungen in einem kartographischen Wahrnehmungsprozess gemeint.

5.3.1 Das „Spurenparadigma“ aus epistemologischer Sicht

Die Analyse und Erklärung von Sprachkonstrukten erfolgt besonders in den literatur- und sprachwissenschaftlichen Disziplinen sowie methodisch auf der Basis von Erkenntnissen der lexikalischen Linguistik und sprachwissenschaftlichen Grammatik. Insgesamt wird in den meisten dieser Disziplinen die relativ offene Wirkung von Sprachkonstrukten betont, was auch den Merkmalen einiger Spurenansätze entspricht. Dies resultiert u.a. daraus, dass Sprachstrukturen grammatikalisch nachvollziehbar beschrieben werden können, ihre Wirkungen und Funktionen aber häufig von den dahinter stehenden Bedeutungskonzepten abweichend beeinflusst werden. Es besteht also eine enge Beziehung zwischen syntaktischen (grammatikalischen) und semantischen Bedingungen der Sprachwirkung und des Sprachverstehens. Die relativ offene Wirkung von Sprach- und Bildkonstrukten resultiert u.a. daraus, dass Sprachstrukturen grammatikalisch nachvollziehbar beschrieben werden können,

Ihre Wirkungen werden von den dahinter stehenden Bedeutungskonzepten beeinflusst.

Die Strukturierung von Bedeutungskonzepten ist vor allem individuell oder kontextabhängig und zum großen Teil konventionell oder symbolisch geprägt. Zur sinnvollen Systematisierung dieser Konzepte wird daher ihre Einwirkung auf der alltagssprachlichen Ebene verfolgt oder auf der fachlich-wissenschaftlichen Ebene mit den entsprechenden Wissenschaftsbereichen und -sprachen abgeglichen. Die Strukturierung von Bedeutungskonzepten vollzieht sich individuell, ist kontextabhängig und damit konventionell und symbolisch geprägt.
Nach der Wortherkunft kommt „Spur“ vom althochdeutschen „spor“ und bedeutet Fußabdruck und meint im Sinn von „Spüren“, nach Jacob und Wilhelm Grimm im Deutschen Wörterbuch von 1854-1960, das Aufnehmen und Folgen einer Fährte, also das Nachspüren als Tätigkeit und die Spur als Objekt. Es geht hier also nicht um die Erzeugung einer Spur, sondern um deren Gebrauch, der eine Spur erst zu einer Spur macht (Krämer 2016a, S.13). Der Wortherkunft nach kommt „Spur“ vom Althochdeutschen „spor“ und bedeutet Fußabdruck und meint das Aufnehmen und Folgen einer Fährte.
Folgt man dieser Aussage, bietet sich eine Differenzierung der Erscheinung „Spur“ vorerst aus „epistemologischer Sicht“ an, in welcher materiellen Form sie sich darstellt, in welchen Situationen sie zur Wirkung kommt und dies unter einem unmittelbaren Eindruck, das heißt, wie sie „vortheoretisch“ erfahren wird. Gegenstände sind ein Fußabdruck, eine Wildfährte, historische Funde, die auf in der Vergangenheit wirkende Erscheinungen oder Kräfte hinweisen oder die Spur als Anzeichen, wie der Rauch, der aus dem Schornstein steigt und ein wärmendes Feuer vermuten lässt oder der kalte Wind, der den Winter ankündigt. In all diesen Fällen sind Spuren alltägliche Phänomene, die intuitiv erkannt und gedeutet werden. Diese Aspekte der Spur, als empirisches Indiz, etwas zu bestimmen, was abwesend, verborgen und unsichtbar ist, es zu identifizieren, zu klassifizieren und zu rekonstruieren ist eine Kulturleistung, die schon seit der Antike philosophisch betrachtet und von Carlos Ginzburg (1995) in all ihren Facetten untersucht und als eine kulturwissenschaftliche Forschungsmethode herausgestellt wird. Spuren sind zuerst alltägliche Phänomene, die intuitiv erkannt und gedeutet werden.

Spur als empirisches Indiz, etwas zu bestimmen was abwesend, verborgen und unsichtbar ist, was identifiziert, klassifiziert und rekonstruiert wird, ist eine verbreitete Kulturleistung.

Objekte, Sachverhalte oder abstrakte Erscheinungen, auf die durch Spuren aus epistemologischer Sicht hingewiesen wird, sind nicht als Abwesende, sondern durch ihre Abwesenheit gekennzeichnet (Krämer 2016b, S.156). Diese Abwesenheit muss individuell aufgelöst werden und kann erst dann konzeptuell als eine mit der Spur verbundene Erscheinung gedeutet werden. Spuren existieren nicht einfach, sie müssen entdeckt werden und werden erst auffällig und relevant, wenn eine Ordnung gestört ist, wenn Abweichungen auftreten oder wenn das Erwartete nicht eintritt. Eine Spur ist nur eine Spur, wenn sie als Spur gebraucht wird und weist als Markierung in Abhängigkeit von der jeweiligen Interpretierung auf etwas anderes hin. Spuren existieren nicht einfach, sie müssen entdeckt werden und werden erst auffällig und relevant, wenn eine Ordnung gestört ist, wenn Abweichungen auftreten oder wenn das Erwartete nicht eintritt.
Zeichentheoretisch kommt Spuren in diesem Sinn der Charakter von „Anzeichen“ oder „Indices“ zu. Im Unterschied zum künstlichen Symbol oder Icon hat der natürliche Index (Indexikalisches Zeichen) nach Charles Sanders Peirce (1983) eine natürliche oder physische Beziehung zu einer angezeigten Erscheinung, das heißt, es sind natürliche Anhaltspunkte, die man bereits erkennt, ohne sie verstanden haben zu müssen. Im Folgenden soll deutlich werden, dass auch Symbolen und Ikonen (ikonische Zeichen) der Charakter von Spuren zukommen kann und in dieser Form vor allem in den Sprachwissenschaften Beachtung finden. Zeichentheoretisch kommt Spuren der Charakter von „Anzeichen“ oder „Indices“ zu.

Spuren sind natürliche Anhaltspunkte, die man bereits erkennt, ohne sie verstanden haben zu müssen.

 

5.3.2 Grammatologische Spurentheorie

„Allgemeinsprachlich dienen die Begriffe Spur und Spurenlesen der Benennung von Gedächtnisspuren, die aus dem aktuellen Erleben in die Erfahrung des Subjekts eingehen“ (Metten 2014, S.257). In den Sprachwissenschaften wird Spuren als Sprach- oder Textelementen ein hinweisender Bedeutungskontext zuerkannt, der individuell erschlossen werden muss. Wörter, Zeichen oder Lautbilder weisen auf etwas hin, das sich aus ihren Bedeutungen ergibt, was abhängig ist von den jeweils herzustellenden Relationen zu Nachbarelementen, der Situation in der diese Relationen sich zeigen und den Gedächtnisinhalten, die aus dem Erleben dazu verfügbar sind. Nach Arnheim (2001) entsteht ein Gedächtnisfeld, in dem Spuren als spezifische Kräfte wirken und innerhalb eines Spurenfeldes wechselseitig Einfluss aufeinander nehmen. Sie können dann in einem Ereignis mit den materiellen Spuren in einen Zusammenhang treten (vgl. auch Bertram 2002, S.102). In den Sprachwissenschaften wird Spuren als Sprach- oder Textelementen eine hinweisende Bedeutung zuerkannt, die individuell erschlossen werden muss.

In einem Gedächtnisfeld nehmen Spuren wechselseitig Einfluss aufeinander.

Das grundlegende Konzept, vor allem der sprachlichen Spurensuche, geht davon aus, das neben der kodierten Bedeutung von Texten, aufgrund deren konzeptuellen Offenheit, dem Rezipienten Bedeutungsvariationen durch unterschiedliche Rezeptionsbedingungen zugänglich sind. Dabei wird für das Sprech- oder Textverständnis generell vorausgesetzt, dass dieses aufgrund des unmittelbaren Sprachprozesses und der Sprachstruktur selbst, also der grammatikalischen Konstruktion und lexikalischen Bedeutung von Aussagen sowie deren semantischen Beziehungen als Sätze, zu variablen Bedeutungskonzepten führt. Das Sprech- oder Textverständnis führt zu variablen Bedeutungskonzepten.
Zuerst bei de Saussure (1967) mit seiner Vorstellung, dass der Stellenwert eines Zeichens in seiner Beziehung zu anderen Zeichen liegt und dann vor allem bei Jacques Derrida (1983; 2015) als „grammatologische Spurentheorie“, ist dieser Aspekt der semantischen Beziehung von Textelementen mit den sprachphilosophischen Begriffen Dekonstruktion (´déconstruction´) und Differenz (´différance´) konsequent weiterentwickelt worden. Vereinfacht bedeuten die Begriffe, dass der Inhalt eines Textes („Textsinn“) nie abgeschlossen ist, sondern dass die Unterscheidung zwischen Worten zum „Hinauszögern“ der gehörten oder gelesenen Bedeutungen oder zu ständig neuen Bedeutungen führt, so dass, solange gesprochen wird, der Sinn eines Textes sich permanent verändert. Es handelt sich also beim Sprechen und Lesen um einen verfolgbaren Prozess, der zum Verstehen eines Textes führt und als ein „Spurenverlauf“ aufzufassen ist. Danach steht kein Element eines Textes allein da, sondern jedes Wort verfügt über ein Kennzeichen, eine Spur, die auf die nächstfolgenden Worte verweist. Das heißt, sämtliche Elemente eines Textes sind beim Schreiben und Rezipieren zusätzlich mit ihren Spuren behaftet und werden als ein „Spurenbündel“ verarbeitet, ohne dass dieses im Text genannt ist. Als grammatologische Spurentheorie ist bei Jacques Derrida der Aspekt der semantischen Beziehung von Textelementen mit den sprachphilosophischen Ansätzen Dekonstruktion und Differenz verbunden.

Diese Begriffe bedeuten, dass der Inhalt eines Textes nie abgeschlossen ist

und

der Unterschied zwischen Satzelementen zu ständig neuen Bedeutungen führt, so dass im Gespräch der Sinn eines Textes sich permanent verändert.

So kommen bei Textanalysen Beziehungen von neuen und unterschiedlichen Elementen zum Tragen und ergeben neue Bedeutungen. Textanalyse sollte nach Derrida nicht nur das Ziel verfolgen, einen bestimmten Sinn des Textes abzuleiten, sondern dessen Spuren und ihre Vernetzungen herauszufinden, um z.B. bei den gefundenen Textinhalten Widersprüche zwischen sprachlichen Formen und inhaltlichen Aussagen aufzudecken. Diese Form des Textverständnisses als Dekonstruktion, strebt ein kritisches Hinterfragen und Gliedern von Texten an und positioniert damit die Spurensuche zusätzlich in das Zentrum des Textverstehens (vgl. z.B. Bennington 2001). Dieser weitgehende aber auch umstrittene Ansatz der sogenannten „Grammatologie“, stellt theoretisch die Möglichkeit der Ableitung von allgemeinen („überzeitlichen“) Bedeutungen von Sätzen oder Texten in Frage. Die scheinbar unmittelbar zeitliche Verfügbarkeit eines Textes löst sich in Abläufe des Schreibens und des Lesens auf, die zu Bedeutungssequenzen und damit zu Unterbrechungen oder Verzögerungen des Verstehens führen. Im Text sollten Spuren und ihre Vernetzungen herausgefunden werden, um Widersprüche zwischen sprachlichen Formen und inhaltlichen Aussagen aufzudecken.

Die unmittelbar zeitliche Verfügbarkeit eines Textes löst sich in Bewegungen des Schreibens und des Lesens auf, die zu Unterbrechungen oder Verzögerungen des Verstehens führen.

5.3.3 „Spurentheorie“ der generativen Transformationsgrammatik

Der Begriff „Spur“ findet in verschiedenen Disziplinen, vor allem aber den Sprachwissenschaften, mit unterschiedlichen Bedeutungen Verwendung. In sämtlichen Fällen wird das „Denotat“, also die unmittelbare lexikalische Bedeutung (Grundbedeutung) von Textelementen, nicht als ausreichend für den Sprachgebrauch angesehen. Für die strukturelle Analyse oder Transformation von Sätzen bzw. Satzteilen (Konstituenten), wie z. B. bei der Ersetzung eines Hauptwortes durch ein Fürwort als „Pronominalisierung“ oder bei der Herstellung eines Tätigkeitsbezugs auf sich selbst als „Reflexivierung“, ergibt sich die sprachtheoretische Zielsetzung, solche oder ähnliche semantische Transformationen zu formalisieren (vgl. Bußmann 2002). Für die strukturelle Analyse und Veränderung von Sätzen bzw. Satzteilen ergibt sich die sprachtheoretische Zielsetzung, diese Vorgänge formal beschreiben zu können.
Im Bereich der sogenannten Transformationsgrammatik geschieht dies durch Umstellung der verschiedenen natürlichen bzw. grammatikalischen Varianten eines Satzes als Tiefenstruktur, die sich in dessen unmittelbar beobachtbarer Gestalt als Oberflächenstruktur ausdrückt. Das heißt, mithilfe der sogenannten „Spurentheorie“ werden die strukturellen Informationen aus der Tiefenstruktur in die Oberflächenstruktur kodiert (Derivation), wobei die semantischen Bedeutungen der Oberflächenstruktur nach der Transformation erhalten bleiben. So bilden Veränderungen von syntaktischen Einheiten, als Teile eines Satzes (Konstituenten), aus bestimmten Satzpositionen heraus eine Spur, einen abstrakten leeren Satz (Kategorialknoten), der die gleiche Bedeutung (Referenzindex) hat, wie die umgestellte syntaktische Einheit (Nominalphrase) (vgl. Borchardt 1999). Entscheidend hierbei ist, dass die abstrakte Ebene der Tiefenstruktur eines Satzes einer theoretischen Analyse zugängliche ist, da auf ihr eine nachvollziehbare Erklärung für die zustande kommende Transformation in der Oberflächenform ausgedrückt ist. Das Setzen einer Spur beinhaltet also Regeln, nach denen die Bedeutungsstruktur und die Transformation eines Satzes erklärt wird. In der Transformationsgrammatik geschieht dies durch Umstellung der verschiedenen natürlichen Varianten eines Satzes als Tiefenstruktur, um sich dann unmittelbar in der konkreten Realisierung als Oberflächenstruktur zu zeigen.

Veränderungen von Teilen eines Satzes bilden aus bestimmten Satzpositionen heraus eine Spur, aus der die gleiche Bedeutung hervorgeht, wie die umgestellte sprachlich Einheit.

Noam Chomsky hat 1957 mit seinen modelltheoretischen Ansätzen die generative Transformationsgrammatik begründet (vgl. auch Chomsky 1969; 1975). Sie stellt eine universale Sprachtheorie dar, die die Beziehungen zwischen Grammatik, Semantik und Pragmatik berücksichtigt. Das bedeutet, dass sie aus Regeln zur Erzeugung von Sätzen besteht und weiterhin aus Regeln, mit deren Hilfe Satzteile vergleichbar verändert, also transformiert werden können. Die generative Transformationsgrammatik setzt einen Sprecher/Hörer voraus, der über ausreichende Sprachkompetenz verfügt und der prinzipiell den von ihm verinnerlichten Regelapparat der Sprache – allerdings unbewusst – beherrscht und benutzt. Sie strebt weiterhin einen hohen Grad an Formalisierung voraus, allerding mit der Folge, dass mit ihren Modellregeln keine sprachlichen Kontextbeziehungen und Sprechsituationen berücksichtigt werden. Insgesamt kann eine Spur durch das zur Verfügung stehende Regelwerk der Tiefenstruktur in einem Satz präzise lokalisiert werden, ohne dass sie in der Oberflächenstruktur gekennzeichnet ist. Dieses Fehlen eines unmittelbaren Hinweises auf eine Spur ist ein typisches Merkmal auch anderer Felder der Spurensuche, die im Folgenden noch diskutiert werden. Die generative Transformationsgrammatik nach Noam Chomsky stellt eine universale Sprachtheorie dar, die die Beziehungen zwischen Grammatik, Semantik und Pragmatik berücksichtigt.

Sie besteht aus Regeln zur Erzeugung von Sätzen und aus nachvollziehbaren Transformationen von Satzteilen.

Die Spurentheorie der Transformationsgrammatik zeichnet sich also dadurch aus, dass eine Spur als „abstrakter leerer Kategorialknoten“ (Lopez 2014) im Rahmen eines sprachlichen Textes in seiner Satzposition mit Hilfe eines formalen Regelwerkes genau definiert ist und ihre Bedeutung aus dem umgewandelten Textteil mittelbar abgeleitet werden kann (Beispiel: Pronominalisierung „Sophie ist nicht zu Hause. Sie ist beim Schwimmen“ → „Sie“ ersetzt „Sophie“). Diese Ableitung ist aufgrund eines konventionalisierten Sprachverständnisses in der Regel leicht möglich und führt damit zu einer relativen Deutungssicherheit bei der „Spurensuche“. Im Gegensatz dazu zielen, wie gezeigt wurde, der Spurenbegriff bei Derrida aber auch der im Folgenden dargestellte Ansatz des „Spurenparadigma“ in eine andere Richtung der Bedeutungsanalyse und -gewinnung. Mit Hilfe der Transformationsgrammatik kann eine Spur im Rahmen eines sprachlichen Textes in ihrer Satzposition genau definiert werden und ihre Bedeutung aus dem umgewandelten Textteil mittelbar abgeleitet werden.

5.3.4 „Spurenparadigma“ der räumlichen Wissensgewinnung und des Lernens

Wie dies auch ähnlich beim Gebrauch von Metaphern dargestellt wurde, erhält der Prozess der Spurensuche in unterschiedlichen Gebieten und Disziplinen, wie etwa der Wissenschaftstheorie, der Molekularbiologie, der Archäologie, den geographischen Erziehungswissenschaften oder der Kriminalistik einen zunehmenden Stellenwert. Stellvertretend für solche Anwendungen kann der erkenntnistheoretische Ansatz von Gernot Grube (2016) gesehen werden, nach dem eine wichtige Eigenschaft der Spur ihre bestimmende Vieldeutigkeit ist, durch die Erkenntnisbildung und Wissen als etwas grundsätzlich Offenes und Dynamisches gesehen werden können. Diese zwei Attribute kennzeichnen in der Regel die Bemühungen, vor allem die naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung weiter auszulegen, um Merkmale der Arbeit des Wissenschaftlers und den sozialen Zusammenhang, in den Wissensspuren gelegt sind, mit in den Prozess der Erkenntnisbildung einfließen zu lassen. In der Wissenschaftstheorie, der Molekularbiologie, der Archäologie, den geographischen Erziehungswissenschaften oder der allgemeinen Verbrechensbekämpfung erfahren Ansätze der Spurentheorie einen zunehmenden Stellenwert.

Spuren führen dazu, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse um soziale Aspekte erweitert werden.

Besonders für den Bereich der geographischen Vegetationskunde bzw. der Kulturlandschaftsanalyse ist dies mit der Arbeit von Gerhard Hard (1995) schon relativ früh erfolgt und konsequent auf die Wissenschaftspraxis bzw. die Fachdidaktik bezogen worden. Als Leitgedanke steht der Arbeit von Hard voran, dass sich Vegetationskunde nicht allein auf physisch-materielle sondern gleichfalls auf soziale Phänomene bezieht, also keine reine Naturwissenschaft ist und sich damit auch mit im Gelände unmittelbar erfahrbaren Elementen und Sachverhalten befassen muss. Diese Aussage lässt sich erweitern, indem Merkmale und Elemente einer komplexen Realität nicht nur direkt erfahrbar, sondern vor allem aus deren Indizien und Spuren zu rekonstruieren sind (nach Ginzburg 1980 und Kanwischer 2014). In diesem Sinn ist Spurenlesen also „ein Phänomen als Spur und Indiz für ein anderes zu lesen. Im Fall des Spurenlesens in der Vegetationskunde wird etwas physisch-materielles als Spur für etwas Soziales gelesen“ (Hard 1995, S.33). Im Mittelpunkt dieses Spurenansatzes steht also beispielhaft die Analyse und Bewertung von Vegetation im Stadtraum, die einmal streng naturwissenschaftlich möglich ist, also als die Bestimmung von Pflanzen (bei Hard vor allem Gräsern) nach „physisch-biotopischen Tatsachen“ oder aber nach mehr symbolischen Kennzeichen, also beispielsweise als „ursprüngliche, altbäuerliche oder ruderale Vegetation“ (Hard. 1995, S.15). Die vegetationskundliche Stadtanalyse konzentriert sich bei einer „mittelbaren“ Pflanzenbestimmung dann nicht nur auf die vorgefundenen Pflanzenmerkmale, sondern auf konnotierte Spuren, die diesen Merkmalen unter bestimmten Fragestellungen anhaften können und die vor allem in der mentalen Ausrichtung des jeweiligen „Bestimmers“ liegen. Für die geographische Kulturlandschaftsanalyse ist dies durch Gerhard Hard (1995) auf die geographische Wissenschaftspraxis bzw. Fachdidaktik übertragen worden.

Danach sind Merkmale und Elemente einer komplexen Realität nicht nur direkt erfahrbar, sondern vor allem aus deren Indizien und Spuren zu rekonstruieren.

Die vegetationskundliche Stadtanalyse konzentriert sich daher bei der Pflanzenbestimmung nicht nur auf die vorgefundenen Objektmerkmale, sondern auf Spuren, die diesen Merkmalen unter bestimmten Fragestellungen anhaften können.

Ein wichtige Absicht, die hinter diesem Spurenansatz steht, ist, dass die mit der unmittelbaren Bestimmung von Objekten und Sachverhalten verbundenen Wahrnehmungs-, Klassifizierungs- und Einordnungsprozesse mental durch Kennzeichen (Spuren) angeregt und auf einen im Moment relevanten Kontext ausgerichtet werden können. Dies kann wissenschaftlichen, vor allem aber auch didaktischen Zielen entsprechen, wie es bei Hard herausgestellt wird. Dieser eher epistemologische Ansatz der Umwelterfassung kann, vereinfacht gewertet, als Kritik an der „traditionellen Erkenntnisbildung“ gesehen werden und andererseits als wissenschaftliche Methode, um im Rahmen von Praktika und Exkursionen die Umwelterfassung und -analyse stärker auf die Beobachtungsfähigkeiten und -bedürfnisse von Studierenden zu übertragen. Die mit der Bestimmung von Objekten verbundenen Wahrnehmungs-, Klassifizierungs- und Einordnungsprozesse werden durch Kennzeichen (Spuren) angeregt und auf einen im Moment relevanten Kontext ausgerichtet.
Ein wichtiges Merkmal dieses Ansatzes, der sich wesentlich von Ansätzen „medialer Spurensuche“ unterscheidet, ist erstens, dass Informationen, die in der konkreten Realität angeboten werden, über erhebliche Strukturierungsmöglichkeiten verfügen. Das resultiert daraus, dass Umweltelemente als individuelle Objekte zu erfassen sind und nicht als kodierte Klassen, die schon begrifflich vorbestimmt sind, wie es in der Regel in Texten und vor allem in Karten sowie weniger in photographischen Bildern der Fall ist. Objekte im Stadtraum sind zwar im Wesentlichen auf der Basis kultureller Bedingungen angeordnet, müssen aber zur Bewertung individuell von anderen Elementen visuell unterschieden, örtlich abgegrenzt, räumlich positioniert und begrifflich (wissenschaftlich) zugeordnet werden. Zweitens, ist für das Konzept der „Spurensuche“ ein anderer Aspekt noch bedeutsamer. Die einzelnen Objekte mit ihren Merkmalen und Eigenschaften werden im Rahmen einer näheren und weiteren Landschafts- bzw. Stadtumgebung identifiziert, so dass sich mit dieser Umgebungsstruktur ein nahezu unbegrenztes gedankliches Angebot an Relationen zum identifizierten Objekt ergibt. Diese Relationen lassen sich besonders als Hinweise oder eben als Spuren interpretieren, die verfolgt und gedeutet werden können. Besonders in dieser Hinsicht ist das Angebot an Informationen in der Regel bedeutend umfangreicher als bei Texten oder Karten, so dass das Hinweispotential bedeutend größer, allerdings auch unbestimmter ist, als bei entsprechenden medialen Präsentationen. Natürlich ist dieses Potential durch kulturbedingte Ordnungen und Muster, denen die einzelnen Objekte unterliegen, eingeschränkt. Konkrete Umweltelemente werden als individuelle Objekte erfasst und nicht als kodierte Klassen, die schon begrifflich bestimmt sind, wie es häufig in Texten, Bildern und Karten der Fall ist.

Einzelne Objekte werden im Rahmen einer näheren und weiteren Umgebung identifiziert, woraus sich ein unbegrenztes visuelles und gedankliches Angebot an Relationen zu anderen Objekten ergibt.

Diese Relationen lassen sich besonders als Hinweise oder eben als Spuren interpretieren.

Der Ansatz des Spurenparadigmas bei Hard ist besonders auf konkrete Geländearbeit ausgelegt, was auch schon in der praktischen universitären Lehre demonstriert wurde. Dazu sind „epistemologische Prinzipien“ (oder nach Hard auch „Faustregeln) der Spurensuche angesprochen, die vermutlich auch als Bestimmungsmethoden zu sehen sind. So sind nach Hard (1995, S. 62) z.B. „alle Stellen“ als Spuren zu entdecken, wo Informationen zwar nur punktuell aber unmittelbar beobachtet werden können. Dabei soll nicht nur die erste Deutung gelten, sondern „plausible“ Alternativhypothesen entwickelt werden und nach weiteren Indizien (Spuren) gesucht werden, z.B. an anderen Orten oder mit anderen „Spurenträgern“, wie Interviews oder spontane Befragungen. Hard argumentiert, dass diese Prinzipien zwar auch für die allgemeine wissenschaftliche Arbeit gelten, sie aber für den Ansatz der Spurensuche besonders typisch und fruchtbar seien. Nach Gerhard Hard sind „alle Stellen“ (Orte) als Spuren zu entdecken, wo Informationen zwar nur punktuell aber unmittelbar beobachtet werden können.

Dabei sollte nicht nur eine „erste Deutung“ gelten, sondern Alternativen entwickelt und nach weiteren Indizien (Spuren) gesucht werden, z.B. an anderen Orten.

In seiner Rezension, im Abschnitt „Die Spuren der geographiedidaktischen Spurenleser“, hat Detlef Kanwischer (2014) den Spurenansatz von Hard dahingehend zusammengefasst, „dass das Spurenparadigma ein didaktisches Instrument ist, um etablierte Weltbilder zu hinterfragen, Prozesse der Konstruktion von sozialräumlichen Wirklichkeiten zu analysieren und reflexives und kritisches Denken zu fördern.“ Das Spurenparadigma als ein didaktisches Instrument.