B 4. Kartographie, Bilder und Metaphern

4. Kartographie, Bilder und Metaphern

Der in den vorhergehenden Kapiteln unternommene Versuch, die Struktur visueller Wahrnehmungsprozesse im Zusammenhang mit Kartographischen Modellformen zu beschreiben, ging von der Voraussetzung aus, dass Karten bei ihrer Nutzung ganz spezifischen Wahrnehmungsbedingungen unterliegen bzw. spezifische Wirkungen erzielen. Aufgrund dieser Situation wurde der Begriff „Kartographischer Wahrnehmungsprozess“ als ein Prozess vorgeschlagen, der gegenüber anderen visuellen Wahrnehmungsprozessen deutlich unterscheidbare Merkmale aufweist. Karten unterliegen bei ihrer Nutzung ganz spezifischen Wahrnehmungsbedingungen und erzielen spezifische Wirkungen. Aufgrund dieser Situation wurde der Begriff „Kartographischer Wahrnehmungsprozess“ vorgeschlagen.
Darüber hinaus wurde in einigen Kapiteln angedeutet, dass sich der kartographische Wahrnehmungsprozess durch technische und damit auch kommunikative Entwicklungen zwar nicht im Grundsatz, aber doch im Bereich situativer Präsentationsbedingungen und -anforderungen ganz erheblich verändert hat (vgl. als Beispiel Bundesamt für Naturschutz 2017). Begleitet wird diese Entwicklung durch eine überwiegend kulturwissenschaftliche, aber auch in der Öffentlichkeit registrierte Diskussion über das Thema „Kartographie“ oder „Karte“ (vgl. Nohr 2002; Krämer 2007; Faby 2011; Azócar Fernández et al. 2014, Hänsgen 2014). Ein Aspekt der Diskussion betrifft dabei den Bereich der sog. „Kritischen Kartographie“ mit einem unter anderem aus der Philosophie und Geographie abgeleiteten Diskussionsansatz (vgl. Harley 1989, Crampton 2010, Glasze 2009). Die meisten Beiträge zur Kartographie und Karte stützen sich allerdings nicht auf das weite Feld gezielter „räumlich-thematischer“ Wissensgewinnung, beispielsweise in den verschiedenen georäumlichen Wissenschaften, sondern eher auf den Gebrauch und die gesellschaftliche Wirkung traditioneller „Übersichtskarten“, von denen dann ausgehend – so wird es in den entsprechenden Veröffentlichungen in der Regel rezipiert – erhebliche Veränderungen für die Kartographie zu erwarten sind (vgl. Picker et al. 2013). Der kartographische Wahrnehmungsprozess hat sich aufgrund neuer technischer und kommunikativer Entwicklungen ganz erheblich verändert.

Begleitet wird diese Entwicklung durch eine wissenschaftliche und in der Öffentlichkeit registrierte Diskussion über das Thema „Kartographie“ oder „Karte“.

Eine Diskussionsvariante wird vom Bereich der sog. „Kritischen Kartographie“ geführt.

Der theoretische Ansatz der „Kartographischen Modellformen“, wie er im 2. Kapitel dargestellt ist,  kann in diesem Zusammenhang auch als Beitrag zur digitalen Neuausrichtung der Kartographie verstanden werden. Die in Teil C der Arbeit noch zu präsentierenden Untersuchungsergebnisse werden dazu die unterschiedlichen Arbeitsmöglichkeiten und Wirkungen ausgewählter Modellformen verdeutlicht. Für eine zukünftige Kartographie sollte besonders berücksichtigt werden, welche Unterschiede zwischen der Wahrnehmung und Wissensbildung mit Hilfe von Kartographischen Modellformen und der Wahrnehmung in der realen Umwelt und den daraus resultierenden gedanklichen Vorstellungen bestehen. Karten kommt u.a. die Funktion zu, Defizite, die bei der Wahrnehmung und Vorstellung der Umwelt auftreten, auszugleichen oder deren Bedingungen zu verbessern. Aus dieser Sicht lässt sich die „real erlebte Umwelt“ als ein Abbildungszusammenhang auffassen, aus dem georäumliche Vorstellungen und gedankliche Konzepte abgeleitet werden, die zur Unterstützung und Steuerung von umweltbezogenen Handlungen geeignet sind. Neben realen Zusammenhängen existieren allerdings auch Zusammenhänge, die als abstrakte Konzepte auf verschiedenen Transformationsebenen bearbeitet werden und deren Ergebnisse wieder gedanklich in der Realität zum Tragen kommen oder in Karten als Mitteilungen präsentiert werden. Der theoretische Ansatz der „Kartographische Modellformen“ stellt einen Beitrag zur digitalen Neuausrichtung der Kartographie dar.

Für eine zukünftige Kartographie sollte berücksichtig werden, welche Unterschiede zwischen der Wahrnehmung  mit Hilfe von Kartographischen Modellformen und der Wahrnehmung in der realen Umwelt bestehen.

Danach würde sich auch die real erlebte Umwelt als ein georäumlicher Abbildungszusammenhang auffassen lassen.

Insgesamt handelt es sich also auf der einen Seite um die konkrete Realität und die sich daraus ergebenden Vorstellungen und Bedürfnisse im Zusammenhang mit menschlichen Handlungen und auf der anderen Seite um kartographische Abbildungen und die daraus abgeleiteten visuell-gedanklichen Konzepte, wobei beide Bereiche zur Gewinnung und zum Angebot von Informationen und Wissen führen. Dieser in der Kartographie schon häufig diskutierte Sachverhalt bildet sozusagen den Kern der sinnlichen Wissensgewinnung und wird daher auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen untersucht und diskutiert. Besonders intensiv und ausführlich geschieht dies zurzeit im Zusammenhang mit der Funktion, Wirkung und Nutzung von Bildern. Dazu findet in den letzten Jahrzehnten eine intensive Diskussion zum gesellschaftlichen Stellenwert von Bildern statt, vor allem im Verhältnis zur „textlichen“ oder „verbalen“ Wissensbildung und Kommunikation, die sich mit Hilfe von Bildern aufgrund digitaler Technologien und des Internets besonders rasch und weitreichend entwickelt hat. Insgesamt stehen sich also einerseits Vorstellungen der unmittelbaren Realität und andererseits kartographische Konzepte gegenüber.

Diese bildet allgemein den Kern der sinnlichen Wissensgewinnung und wird daher auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen untersucht.

Intensiv und ausführlich geschieht dies zurzeit im Rahmen des Themas „Wissensgewinnung mit Bildern“.

In einem weiteren Bereich wird das Problem diskutiert, wie Merkmale eines Sachverhalts, die gedanklich, sprachlich oder visuell schwer zugänglich sind, durch rhetorisch-gedankliche Unterstützungsformen verständlicher gemacht werden können. Ein Aspekt zur Lösung dieses Problems wird in der metaphorischen Konzeptbildung gesehen, also in der gedanklichen oder medialen Nutzung von „Metaphern“, die als sogenannte „Stilfigur“ schon in der Antike, aber auch heute als eine wichtiger Faktor des Sprach- und Bildverstehens gesehen werden. Das Prinzip der Metaphorik basiert auf der Gewohnheit bzw. Erkenntnis, dass schwerverständliche Begriffe oder Aussagen durch ähnlich strukturierte sprachliche oder bildliche Konstrukte, die leichter verständlich sind, ersetzt werden können. Vor allem in den Sprachwissenschaften  wird untersucht, wie ein Sachverhalt, der gedanklich, sprachlich oder visuell schwer zugänglich ist, durch rhetorisch-gedankliche Unterstützungsformen verständlicher gemacht werden kann.

Als Lösung  wird die metaphorische Konzeptbildung gesehen, also die Nutzung von sog. „Metaphern“.

Ein vergleichbarer Zusammenhang kann, wie oben ausgeführt wurde, mit der Gegenüberstellung der Umwelt und ihren komplexen georäumlichen Objekten, Beziehungen und Sachverhalten als Informations- und Wissenspotential im Verhältnis zur vereinfachenden Karte bzw. Kartographischen Modellform gesehen werden. Bei der Weiterführung dieser Überlegung käme der Karte eine metaphorische Funktion zu, womit sie in ihrer Ausprägung der Struktur der verschiedenen Varianten der Umwelt bzw. der damit verbundenen menschlichen Konzeptbildung „ähneln“ müsste. Nun liegen dazu aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die sich einerseits mit der bildlichen Kommunikation und andererseits mit dem Bereich der Metaphorik befassen, umfassende Erkenntnisse vor, so dass im Folgenden untersucht werden soll, ob diese auf kartographische Bedingungen und Voraussetzungen übertragen werden können. Der Schwerpunkt wird dabei auf Erkenntnisse der Bild- und der Sprachwissenschaften gelegt, die einerseits für die gestellten Fragen besonders relevant sind, aber zum anderen im Rahmen der bisher veröffentlichten Diskussionen eher nicht in den Vordergrund gestellt wurden. Ein vergleichbarer Zusammenhang kann zwischen der realen Umwelt und einer Karte bzw. Kartographischen Modellform gesehen werden.

Damit käme der Karte eine metaphorische Funktion zu.

Dazu liegen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen allgemeine Erkenntnisse vor.

Im Folgenden wird untersucht, ob sich diese Erkenntnisse auf die Kartographie übertragen lassen.

4.1 Wahrnehmung und Wissensgewinnung mit Bildern

Für die Beurteilung von visuellen Wahrnehmungsprozessen lassen sich vor allem drei Möglichkeiten der optischen Präsentation und Repräsentation von Objekten und Sachverhalten unterscheiden. Erstens lassen sich optisch zugängliche oder vorstellbare Ausschnitte der Realität graphisch mit Hilfe von Bildern präsentieren und die darin repräsentierten Inhalte visuell wahrnehmen. Zweitens können Elemente und Sachverhalte, die in der Realität nicht visuell zugänglich sind, mit Hilfe bildlicher Analogien oder Metaphern abgebildet und die repräsentierten Inhalte im Wahrnehmungsprozess durch visuell-gedankliche Übertragungen abgeleitet werden. Und drittens präsentiert sich die reale dreidimensionale Umwelt selbst, so dass Umweltausschnitte und Vorgänge unmittelbar visuell abgeleitet werden können. Den damit verbundenen Präsentationsbedingungen und Vorgängen kommt ein besonders hoher Stellenwert zu, da sich daraus grundlegende Hinweise zu Prozessen der visuellen Wahrnehmung und der damit verbundenen „visuell-gedanklichen Konzeptbildung“ ergeben.
  • Die optisch zugängliche oder vorstellbare Realität wird mit Hilfe von Bildern präsentiert.
  • Elemente und Sachverhalte, die in der Realität nicht optisch zugänglich sind, werden mit Hilfe bildlicher Analogien oder Metaphern abgebildet und repräsentiert.
  • Die reale dreidimensionale Umwelt präsentiert sich optisch unmittelbar selbst.
Auf der Basis dieser drei Präsentationsmöglichkeiten können unterschiedliche Bereiche visueller Informationsaufnahme und gedanklicher Wissensverarbeitung abgeleitet werden. Besonders für die empirische Wahrnehmungsforschung ist dabei in methodischer Hinsicht von Interesse, welche Formen von Elementen im Rahmen empirischer aber auch theoretischer Untersuchungen optisch präsentiert bzw. verwendet werden und welche Erkenntnisse daraus zu den jeweiligen Prozessen der Informationsentnahme gewonnen werden können. Unter welchen Bedingungen verlaufen dabei Wahrnehmungsprozesse?

Welche unterschiedlichen Formen von Elementen werden dabei präsentiert bzw. repräsentiert?

Im Rahmen der empirischen „Text- und Bildforschung“ werden häufig „graphische Figuren“ angeboten, die in ihrer Struktur eher einfach gehalten sind, mit dem Hintergrund, die im Wahrnehmungsprozess auftretenden Erscheinungen leichter zuordnen und erklären zu können. Untersucht werden Wiedererkennungseffekte, vor allem aber der Stellenwert von Bildern als Demonstrations-, Werbe- und Kunstobjekte sowie ihre Wirkung im Rahmen von  Lernumgebungen. Ein weiterer Bereich betrifft die Untersuchung von Wahrnehmungsprozessen in realen räumlichen oder georäumlichen Umgebungen. Untersucht werden besonders Orientierungsprozesse, um daraus Erkennungs- und Bewegungsabläufe abzuleiten, die in formalisierter Form auf automatische Systeme übertragen werden können. Im Rahmen der empirischen „Bildforschung“ werden aus methodischen Gründen häufig lediglich einfache „graphische Figuren“ angeboten.

Untersucht werden  Wiedererkennungseffekte und der Stellenwert von Bildern als Demonstrations-, Werbe- und Kunstobjekte.

Insgesamt ist für empirische Untersuchungen in der angedeuteten Form festzuhalten, dass  präsentierte Figurationen graphische Merkmale aufweisen müssen, die die zu untersuchenden Sachverhalte ausreichend repräsentieren, da nur so aus den ermittelten Ergebnissen sinnvolle Erkenntnisse abgeleitet werden können. In der Kognitionspsychologie, den Neurowissenschaften, den Sprach-, Kunst- und Erziehungswissenschaften sowie in der Philosophie und der Informatik haben diese und weitere Fragen jeweils einen spezifischen Hintergrund und werden daher auch aus unterschiedlichen Perspektiven gestellt und untersucht. Es sollte daher für die Kartographie festgehalten werden, welche Sichten auf die Wahrnehmung und Wissensbildung in den genannten Bereichen vertreten werden, um daraus gegebenenfalls Erkenntnisse für kartographische Problemstellungen abzuleiten. Für die Kartographie sollte daraus festgehalten werden, welche Sichten auf die Wahrnehmung und Wissensbildung in den genannten Bereichen vertreten werden, um daraus Erkenntnisse für kartographische Problemstellungen abzuleiten.

4.1.1 Der Charakter von Bildern

In der Veröffentlichung „Wissenserwerb mit Bildern“ (Weidenmann 1994a) sind von mehreren Autoren Beiträge zu verschiedenen Formen von Visualisierungen und ihren Funktionen zur Informationsgewinnung bzw. Wissensbildung dargestellt. Es werden unter anderem folgende „Bildformen“ unterschieden: Nach Weidenmann (1994a) lassen sich u.a. folgende „Bildformen“ unterschieden:
  • informierende Bilder sollen Aussagen machen, um instruktionale (anweisende, erklärende) Situationen so einzurichten, dass Wissen und Fähigkeiten erworben werden können (Weidenmann 1994b, S. 9ff);
  • darstellende Bilder zeigen „Ähnlichkeiten mit dem Ding oder Begriff, für den das Bild steht“ und sie sollen als begleitendes Medium vor allem zum Textverständnis beitragen (Peeck 1994, S. 59ff);
  • logische Bilder sind Abbildungen, „durch die Sachverhalte sichtbar gemacht werden, die in der Realität so nicht wahrgenommen werden können“. Sie dienen der Darstellung von abstrakten Merkmalzusammenhängen, z.B. in Form von Diagrammen (Schnotz 1994, S. 95ff).
  • bildliche Analogien sollen mit Hilfe realitätsnaher Bildszenen Bedeutungszusammenhänge abbilden, um diese auf nicht direkt dargestellte, aber intendierte (gemeinte) Sachverhalte zu übertragen (Issing 1994, S. 149ff).
Diese Differenzierung visueller Bildformen hat sich weiterentwickelt, wobei vor allem der zunehmende Einsatz digitaler Technologien zu neuen Funktionen, Wirkungen und Anwendungen führt. Dabei haben sich besonders die Bereiche „Wissenschaftliche Visualisierung“, „Wissensgewinnung mit Bildern in Lernumgebungen“, „Informationsvisualisierung“ und die sog. „Info-Graphik“ im gesellschaftlichen Kontext etabliert. Zur Einführung in die Thematik der visuellen Bildverarbeitung werden im Folgenden die vier oben aufgeführten „Bildformen“ weiter vorgestellt und diskutiert. Es haben sich die Bereichen „Wissenschaftliche Visualisierung“, „Wissensgewinnung mit Bildern in Lernumgebungen“, „Informationsvisualisierung“ und die sog. „Info-Graphik“ etabliert.

4.1.2 Informierende Bilder

Bei Informierenden Bildern soll ein Inhaltsbereich als „visuelles Argument“ kommuniziert werden und vor allem zu Wissen und Fähigkeiten führen, wobei die Bilder in „instruktionalen Situationen“ zum Tragen kommen (Weidenmann 1994b, S. 9). Der Begriff „Kommunizieren“ ist in diesem Zusammenhang vermutlich als kommunikative Auseinandersetzung mit dem Bild als Sender und gleichzeitig als Nachricht zu verstehen. Es wird gleichfalls auf den dynamischen Aspekt der Wahrnehmung hingewiesen, wie er auch für „zweiseitige“ Kommunikationsprozesse vorausgesetzt wird (vgl. Lexikon der Psychologie 2000b; Tainz 2002c). Bei Informierenden Bildern soll ein Inhaltsbereich als „visuelles Argument“ „kommuniziert“ werden und zu Wissen und Fähigkeiten führen, wobei die Bilder in „instruktionalen Situationen“ zum Tragen kommen.
Die Betonung des informierenden Bildes als visuelles Argument impliziert, dass zu seiner Übermittlung eine entsprechende bildhafte Kodierung vorhanden sein muss. Das bedeutet, dass mit dieser Kodierung sämtliche „relevanten Aspekte eines Arguments“ repräsentiert werden müssen und dass diese Aspekte optimal auf den Prozess und die Situation der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung auszurichten sind. Bei Bildern als Argumente müssen sämtliche „relevanten Aspekte eines Arguments“ kodiert werden.
Weidenmann (1994b) betont allerdings, dass für die Kodierung von informierenden Bildern in der Regel keine standardisierten („kanonisierten“) Modelle, Methoden und Verfahren zur Verfügung stehen: Für diese Kodierung stehen in der Regel keine standardisierten Modelle, Methoden und Verfahren zur Verfügung:

„Zu einer bestimmten Botschaft sind jeweils verschiedene visuelle Argumente denkbar, die funktional äquivalent sind, d. h. in vergleichbarer Weise argument- und rezeptionsangemessen erscheinen. Die Fülle möglicher bildhafter Codierungen im Bereich der informierenden Bilder lässt sich durch die Unterscheidung von Darstellungs- und Steuerungscodes ordnen:

  • Darstellungscodes sind bildgestalterische Möglichkeiten zur Argument-Angemessenheit;
  • Steuerungscodes dienen der Rezeptions-Angemessenheit.“

(S. 12; Gliederung, Verf.)

Die Fülle möglicher bildhafter Codierungen im Bereich der informierenden Bilder lässt sich durch die Unterscheidung von Darstellungs- und Steuerungscodes ordnen.
Unter Mitteln oder Techniken zur Realisierung von Darstellungscodes werden u.a. Konturen, Schattierungen, Perspektiven, natürliche Farbgebungen und Proportionen genannt. Für Techniken von Steuerungscodes ergeben sich zusätzlich Hervorhebungen, Kontrastierungen, Anordnungen und spezielle Hinweiszeichen wie Pfeile und Symbolfarben. Darstellungscodes:  Konturen, Schattierungen, Perspektive, natürliche Farbgebung und Proportionen;

Steuerungscodes: Hervorhebungen, Kontrastierungen, Anordnungen, Pfeile und Symbolfarben.

Die Aussage zu „fehlenden einheitlichen Methodiken“ betrifft dabei nicht nur die graphische Gestaltung von Bildinhalten selbst, sondern gleichermaßen auch die kaum zu überblickende Vielfalt von Thematiken und Inhalten, die durch informierende Bilder kommuniziert werden sollen und zu denen angemessene „Repräsentations- und Präsentationsformen“ zur Verfügung stehen müssen. Die damit verbundene Unsicherheit führt häufig dazu, dass im Zusammenhang mit den umfänglich vorliegenden theoretischen Erörterungen zur „visuellen Bildverarbeitung“ der Eindruck entsteht, dass über die eigentlichen Gegenstände oder Sachverhalte, die wahrgenommen und gedanklich verarbeitet werden sollen, nur bedingt vergleichbare Kenntnisse vorliegen oder zumindest die Breite ihrer Erscheinungen und Anwendungsfelder nur unvollkommen erfasst werden kann. Bei Erörterungen zur „visuellen Bildverarbeitung“ entsteht häufig der Eindruck, dass über die eigentlichen Gegenstände oder Sachverhalte, die wahrgenommen und gedanklich verarbeitet werden sollen, nur bedingt vergleichbare Kenntnisse vorliegen.
Es werden weitere Bereiche genannt, die sich von informierenden Bildern aufgrund des „Verwendungszusammenhangs“ und ihrer „Rezeptions-Situation“ unterscheiden, wie etwa „Künstlerische Bilder“ und “Unterhaltende Bilder“, bei denen einerseits ästhetische Kriterien und die „Offenheit der Rezeptionsweisen“ eine Rolle spielen bzw. bei denen andererseits besonders die Aufmerksamkeit gefesselt und Emotionen ausgelöst werden sollen (Weidenmann 1994b, S.9). Zu ergänzen wäre sicherlich noch der Bereich der Werbung mit den großen Variationsmöglichkeiten der bildlichen Repräsentation und medialen Präsentation in den Massenmedien und heute vor allem im Internet. So müssen insgesamt die vor zwei Jahrzehnten genannten Anwendungsbereiche von informierenden Bildern heute sicherlich noch ergänzt werden. Weiterhin muss gefragt werden, ob die vorgenommenen Abgrenzungen und Differenzierungen ausreichen, um grundlegende Funktionen, Wirkungen und Situationen bildlicher Kommunikation heute erfassen und erklären zu können. Weitere Bereich werden unterschieden:

  • Künstlerische Bilder mit ästhetischen Merkmalen,
  • Unterhaltende Bilder mit einer „Offenheit der Rezeptionsweisen“,
  • Bilder der Werbung mit großen Variationsmöglichkeiten der Präsentation und Repräsentation

4.1.3 Darstellende Bilder

Grundlegende Funktion darstellender Bilder ist die Wiedergabe von Gegenständen, Sachverhalten und Prozessen, die in visuell-optischer Form existieren und von denen bildliche Vorstellungen oder mental-bildliche Modelle und Konzepte gedanklich verfügbar sind. Darstellende Bilder sollen vor allem zum „Verarbeiten, Verstehen und Behalten von Texten“ beitragen (Peeck 1994, S.59ff). Darüber hinaus kann ihnen zu ihrer „textergänzenden Rolle“ auch die Funktion einer „selbstständigen Informationsquelle“ zukommen, zu der gegebenenfalls textliche Ergänzungen möglich sind. Nach Peeck sind zwei Funktionen von Darstellenden Bildern in den Vordergrund zu stellen: Darstellende Bilder sollen vor allem zum „Verarbeiten, Verstehen und Behalten von Texten“ beitragen. Ihnen kann auch eine „textergänzende“ Rolle zukommen.

Es stehen zwei Funktionen von Darstellenden Bildern im Vordergrund:

  • Affektive und motivationale Funktion als Aufgabe, um durch Bilder zum Lesen von Texten anzuregen oder die Zeit zu verlängern, in der sich mit einem Text beschäftigt wird; es werden emotionale Zuwendungen zu abgehandelten Thematiken verstärkt und generell Aufmerksamkeit auf einen Text gelenkt.
Affektive und motivationale Funktion, um durch Bilder zum Lesen von Texten anzuregen.
  • Kognitive Funktion, die in drei Aufgabenbereiche unterschieden werden: die darstellende Aufgabe, um „Textinformationen zu konkretisieren“ oder zu ergänzen sowie vor allem Erscheinungen, die den Akteuren fremd oder unbekannt sind, zu veranschaulichen; die interpretierende Aufgabe, um  z.B. durch die Schaffung eines Kontextes oder die Aktivierung von Vorwissen die Verständlichkeit eines Textes zu erhöhen; die organisierende Aufgabe, um z.B. einen  Textzusammenhang oder zusätzlich räumliche und strukturelle Merkmale zu veranschaulichen und damit Inhalte deutlicher zu erklären.
Kognitive Funktion:

  • darstellende Aufgabe, um Textinformationen zu konkretisieren
  • interpretierende Aufgabe, um die Verständlichkeit eines Textes zu erhöhen;
  • organisierende Aufgabe, um räumliche und strukturelle Merkmale zu veranschaulichen
Peek führt zwei weitere Funktionen von darstellenden Bildern an: Bei einer  transformierenden Funktion sollen nach Levin (1989) bei „komplizierten“ Texten  durch bildliche Metaphern Nebenbedeutungen oder „Eselsbrücken“ besser behalten werden. Bei perspektiv-induzierenden Funktionen soll der Effekt genutzt werden, dass durch bildliche Illustrationen ein „kurzer Blick“ ausreichen kann, um dem Leser zu signalisieren, wovon der Text handelt (Peeck et al. 1985 u.Peeck 1994b). Weitere Funktionen:

  • transformierende Funktion
  • perspektiv-induzierende Funktion

4.1.4 Logische Bilder

Mit Hilfe von logischen Bildern sollen Sachverhalte dargestellt werden, aus denen theoretische Zusammenhänge und Beziehungen von Merkmalen visuell abgeleitet werden können. Es geht vor allem um Sachverhalte, die in der Regel nicht „optisch wahrnehmbar“ sind und die daher nicht unmittelbar bildlich dargestellt werden können (vgl. Niederhaus 2011, S.3). In Bereichen der Bildtheorie bzw. Bildwissenschaften (vgl. Bruhn 2009) werden sowohl die Bezeichnung „Logische Bilder“ als auch der Charakter und der Umfang der Repräsentationsformen nicht einheitlich gebraucht. In der Regel wird bei logischen Bildern zwischen der Darstellung von qualitativen (engl. Charts) und quantitativen sowie quantitativ/qualitativen (engl. Graphs) Merkmalrelationen  von Sachverhalten unterschieden. Schnotz (1994) führt an, dass der Begriff „Logik“ den Charakter Logischer Bilder nicht unmittelbar trifft, da sie „keine Logik im Sinn eines Regelsystems 〈beinhalten〉, das von wahren Prämissen zu wahren Schlussfolgerungen führt“ (S. 95). Insgesamt werden unter logischen Bildern „Diagramme“ im weitesten Bedeutungs- und Formensinn und auch graphische Zahlen- und Wortschemata, die vergleichbare Strukturen in Tabellenform aufweisen können, zusammengefasst (vgl. auch Koch 2001c). Logische Bilder stellen Sachverhalte dar, die in der Regel nicht „optisch wahrnehmbar“ sind und die daher nicht unmittelbar bildlich dargestellt werden können.

Es wird zwischen der Darstellung von qualitativen (engl. Charts) sowie quantitativen und quantitativ/qualitativen Merkmalrelationen (engl. Graphs) von Sachverhalten unterschieden.

Insgesamt werden unter logischen Bildern Diagramme und graphisch-logische Zahlen- und Wortschemata bzw. Tabellen zusammengefasst.

Ein wichtiges Kriterium von logischen Bildern ist der Charakter des Wahrnehmungsprozesses, in dem Bilder extrahiert und gedanklich verarbeitet werden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie z.B. bei sog. „Isotyp-Diagrammen“ bzw. Abbildungen nach der „Wiener Methode der Bildstatistik“ (vgl. Weidenmann 1994b, S. 20ff; Groß 2015; Stams 2001), werden durch logische Bilder keine „optisch realen Objekte oder Sachverhalte“ abgebildet, die gedanklich mit entsprechend verfügbaren Vorstellungen oder visuellen Modellen zu vergleich wären, wie dies bei darstellenden Bildern die Regel ist. Der Zusammenhang von Wert-, Attribut- oder Objektrelationen eines Sachverhalts, also das eigentliche Thema von Diagrammen, wird auf einer Abbildungsfläche quasi als „räumliche Metapher“ angeboten und mit Hilfe von „Analogieschlüssen“ visuell-gedanklich reproduziert. Das heißt, räumliche Distanzen bzw. generell topologisch-euklidische Größen müssen in die repräsentierten numerischen oder sprachlichen Relationen überführt werden. Bei optischen Schemata werden graphische Einheiten (Texte, Kästen, Punktzeichen, ikonische Konstrukte) mit Hilfe von Lage- und Verkettungsstrukturen in die entsprechend zugrundliegende Bedeutungsstruktur überführt. Dies wird durch implizit vorgegebene geometrische „Verteilungsgitter“ sowie zweidimensionale und heute auch zunehmend dreidimensionale Koordinatensysteme unterstützt, die sprachlich erläutert sind oder deren Struktur als konventionelles Wissen bzw. Erfahrungswissen gedanklich zur Verfügung steht. Durch Logische Bilder werden, außer bei sog. „Isotyp-Diagrammen“ bzw. Abbildungen nach der „Wiener Methode der Bildstatistik“,  keine „optisch realen Objekte oder Sachverhalte“ abgebildet.

Der Zusammenhang von Wert-, Attribut- oder Objektrelationen eines Sachverhalts (Diagramme) wird quasi als „räumliche Metapher“ angeboten.

Optischen Schemata werden als verteilte graphische Einheiten (Texte, Kästen, Punktzeichen, ikonische Konstrukte) mit Hilfe von Lage- und Verkettungsstrukturen dargestellt.

Sprachliche Konstrukte als Logische Bilder können Objekte oder Merkmale eines abzubildenden Sachverhaltes sein, z.B. in Form von „Venn- oder Strukturdiagrammen“ oder in unterschiedlicher Tabellenform. Sie fungieren als kontextuelle Erläuterungen bzw. als Bezeichnungen von abgebildeten Objekten und Merkmalen. Da logische Bilder also besonders für die graphische Repräsentation von nicht unmittelbar bildlich vorstellbaren Sachverhalten genutzt werden, werden diese Sachverhalte häufig in Form eines sprachlichen Kontextes (Überschriften oder begleitende Texte) oder durch sprachliche Erläuterungen zusätzlich erklärt. Sprachliche Konstrukte als Logische Bilder können Objekte oder Merkmale eines abzubildenden Sachverhaltes sein, z.B. in Form von „Venn- oder Strukturdiagrammen“ oder in unterschiedlicher Tabellenform.

4.1.5 Bildliche Analogien

Bei bildlichen Analogien sollen aus abgebildeten natürlichen Szenen strukturelle Zusammenhänge gedanklich abgeleitet und diese als Bedeutung auf einen nicht dargestellten, aber ähnlich strukturierten Sachverhalt gedanklich übertragen werden. Bedingung ist, dass die angebotene bildliche Szene visuell anschaulich ist und – wie Issing (1994, S.153) schreibt – „aus der Wirklichkeitserfahrung“ gedanklich besonders verständlich wirkt, das heißt, dass strukturelle Beziehungen sicher abgeleitet werden können. Außerdem muss ihnen ein „metaphorischer Charakter“ zukommen, indem ihre Strukturen implizit auf die Strukturen des Zielsachverhalts verweisen. Intention ist, durch die gedankliche Übertragung der Bildstruktur eine Zielstruktur besser verständlich zu machen. Issing führt weiter aus (S.163), dass bei „realitätsnahen Abbildungen“ Aufmerksamkeit und Interesse geweckt werden, vor allem, wenn sie in einen „abstrakten Zieltext“ eingebunden sind. Bei bildlichen Analogien werden aus abgebildeten natürlichen Szenen strukturelle Zusammenhänge gedanklich abgeleitet und diese als Bedeutung auf einen nicht dargestellten, aber ähnlich strukturierten Sachverhalt gedanklich übertragen.

Es muss ihnen ein „metaphorischer Charakter“ zukommen, der implizit auf die Strukturen des Zielsachverhalts verweist.

Weidenmann (1994b, S.22f) bemerkt zu „Bildlichen Analogien“, dass der „verwendete Code“ auch grundlegend für informierende oder darstellende Bilder ist, also kein Alleinstellungsmerkmal darstellt. Dies ist sicherlich richtig, wobei aber der Faktor der „Metapher“ bei bildlichen Analogien zusätzlich eine zentrale Rolle spielt und daher dieser Bildform eine besondere Funktion zukommt. Metaphern werden u.a. für die Unterstützung von gedanklichen Wissensbildungsprozessen verwendet. So wird eine aus der Abbildung einer Objektszene abgeleitete Bedeutung als „metaphorischer Zusammenhang“ in eine ähnlich strukturierte sprachliche oder gedankliche Szene gestellt (vgl. Kap. 4.2.2). Der „verwendete Code“ von Bildlichen Analogien ist auch grundlegend für informierende oder darstellende Bilder und stellt also kein Alleinstellungsmerkmal dar.
Insgesamt muss für den “Wissenserwerb mit bildlichen Analogien“ z.B. im Bereich der Schule, im kommunikativen Alltag, aber auch in wissenschaftlichen Disziplinen berücksichtigt werden, ob der vergrößerte (doppelte?) gedankliche Aufwand in einem sinnvollem Verhältnis zu dem sich daraus ergebenden Wissensgewinn steht. Aus dieser Beziehung ergibt sich auch ein abzuwägendes Verhältnis zwischen „Schwierigkeit“ und „Originalität“ von Analogien. Nach Issing (1994, S.156) sollte ein „Mittelweg gewählt  werden“, was bedeutet, dass berücksichtigt werden muss, wie unähnlicher zwei Domänen sind, da mit der Zunahme der Unähnlichkeit einerseits das Erkennen ihrer Analogiebeziehungen erschwert wird, aber andererseits sich daraus eventuell eine deutlichere Zunahme ihrer „Eigentümlichkeit“ (Originalität) ergibt. Durch gesteigerte Originalität können sich das Interesse und die Neugierde an der bildlichen Analogie steigern, was wiederum zu einer Erhöhung von Motivation und Aufmerksamkeit führen kann und sich gegebenenfalls positiv auf den Wissenserwerbsprozess auswirkt. Diesem Aspekt kommt besonders heute durch die Möglichkeiten der digitalen Erstellung und elektronischen Präsentation von Abbildungen ein hoher Stellenwert zu. Allerdings liegt darin auch die Gefahr, dass vor lauter technischer und graphischer Möglichkeiten, nämlich das eigentliche Ziel, den Wissenserwerb zu verbessern, vernachlässigt wird. Insgesamt muss für den “Wissenserwerb mit bildlichen Analogien“, z.B. im Bereich der Schule, im kommunikativen Alltag, aber auch in wissenschaftlichen Disziplinen berücksichtigt werden, dass der vergrößerte (doppelte?) gedankliche Aufwand in einem sinnvollen Verhältnis zu dem sich daraus ergebenden Wissensgewinn steht.

Aus dieser Beziehung ergibt sich auch ein abzuwägendes Verhältnis zwischen „Schwierigkeit“ und „Originalität“ von Analogien.