B 2. Kartographische Modellformen und Handlungsfelder

2. Kartographische Modellformen und Handlungsfelder

Die Aktualität der folgenden Ausführungen für die Kartographie ist in den verschiedenen Entwicklungen u.a. der digitalen Datengewinnung bzw. Datenentstehung sowie der elektronischen Kommunikation zu sehen. In der Vergangenheit stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, wie bestimmte georäumliche Daten und Fragestellungen durch „tradierte“ Abbildungsformen repräsentiert und kartographische Medien präsentiert werden können. Dies galt für den normalen gesellschaftlichen Bedarf sowie für fachliche Handlungsfelder in Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft und für diverse andere Bereiche. Heute hat sich dieser Bedarf aufgrund tiefgreifender technologischer und damit verbundener gesellschaftlicher Entwicklungen grundlegend verändert. Der Bedarf an kartographischen Medienformen hat sich aufgrund technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen grundlegend verändert.
Diese Situation hat sich zum Teil soweit entwickelt, dass häufig von einer „Neuen Kartographie“ gesprochen wird, die im Wesentlichen durch Möglichkeiten netzbasierter Kommunikationstechniken und ein neues Nutzerverhalten gekennzeichnet ist (vgl. Faby 2011). So zeigen sich die Aufgaben der Kartographie darin, dass zum einen individuell erfasste Geodaten zu verarbeiten und zum anderen weltweit erfasste Massendaten oder Informationen zu verbreiten und zu kommunizieren sind. Dazu sind die Daten  im raschen zeitlichen Rhythmus optisch zu kodieren und wirkungsvoll mit Hilfe elektronischer Medien zu präsentieren. Es wird von einer „Neuen Kartographie“ gesprochen.
Mit diesem Datenangebot und den neuen kommunikativen Möglichkeiten hat sich auch der gesellschaftliche Anspruch an die Nutzung von Daten und Informationen verändert. Zum einen stehen „elektronische Handgeräte“ im Mittelpunkt, wie zum Beispiel zur Orientierung oder zum persönlichen oder gruppenorientierten Austausch von Fragen, Problemen und allgemeinen Informationen, die häufig georäumlich zugeordnet werden sollen. Zum anderen liegen allgemeine Daten und Informationen vor, die weltweit von Interesse sind, wie beispielsweise über aktuelle Katastrophen, die momentane Wettersituation, über Klimaentwicklungen und generell über Zustände oder prognostizierte Aussagen zu gesellschaftlichen Entwicklungen und zum Zustand oder zur Gefährdung der Umwelt. Sie sollen möglichst „sofort“ optisch angeboten und damit häufig automatisch generiert  werden. Mit diesem Datenangebot und den neuen kommunikativen Möglichkeiten hat sich auch der gesellschaftliche Anspruch an die Nutzung von Daten und Informationen verändert.
Für die Kartographie betrifft dies sämtliche Bereiche der Mediendarbietung. So müssen Daten in „Echtzeit“ erfasst, aufbereitet und entsprechend schnell abgebildet und präsentiert werden. Dabei gibt es einschränkende Bedingungen, wie kleine Bildformate, die durch elektronischen Bildlauf, Wiederholungfunktionen oder Datenabstrahierungen ausgeglichen werden müssen. Weiterhin müssen Beziehungen zwischen präsentierten Daten in Medien und umgebenden realen Situationen hergestellt werden, also ein automatischer Abgleich zwischen Präsentationsdaten und Situationsdaten am jeweiligen Standort erfolgen. Insgesamt wird erwartet, dass durch schnellen Bildwechsel, durch kinematische Bildsequenzen und durch mehrdimensionale Abbildungen, verbunden mit interaktiven Eingriffs- und Steuermöglichkeiten, die optischen Präsentationsformen unterstützt und dabei möglichst effektive Wirkungen erzielt werden. Medienformen in der heutigen Kartographie:

  • Abbildung von Daten in „Echtzeit“;
  • eingeschränkte Bildformate;
  • erforderlicher Abgleich zwischen Präsentations- und Situationsdaten;
  • kinematischer Bildwechsel, mehrdimensionale Bilder,    interaktiven Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten;
Unabhängig von diesen unterschiedlichen Entwicklungen, haben sich bestimmte grundlegende Anforderungen an  kartographische Darstellungen nicht verändert. Bei  jeder dieser neuen Situationen handelt es sich um georäumliche Daten, die im Kern nach den herkömmlichen (konventionellen) Bedingungen kartographischer Abbildungen kodiert werden können. Dieser Kern georäumlicher Abbildungen wird durch „Kartographische Modellformen“ vertreten, die zwar im Detail verändert oder modifiziert werden können, die aber in ihrer grundlegenden konstruktiven Ausrichtung erhalten bleiben. So können mit Hilfe des „Konzepts der Modellformen“ grundlegende kartographische Abbildungsstrukturen bereitgestellt werden. Das Konzept geht dabei von fertigen Konstrukten aus, die im Wesentlichen mit Hilfe automatischer Verfahren zu erstellen sind und die schnell und nach Bedarf modifiziert und durch andere Formen ersetzt werden können. Mit  Hilfe von Kartographischen Modellformen können grundlegende Abbildungsvarianten bereitgestellt werden.

stetige-niveauflächen

Abb. 21.1 Trier-Innenstadt:
Parkplatzangebot in Baublöcken

2.1 Modellformen und Karten

Im Folgenden werden die wichtigsten Einflussfaktoren visueller Wahrnehmung auf der Basis kartographischer Medien dargestellt. Zu Beginn werden, ausgehend vom Konzept der Kartographischen Modellformen, Kartenbeispiele vor allem in Form von zweidimensionalen Oberflächenmodellen beschrieben. Danach werden beispielhaft „Virtuelle Landschaften“ vorwiegend in Form von „Stadtlandschaften“ vorgestellt. Im Anschluss daran wird versucht, auf der Grundlage eines kartographischen Wahrnehmungskonzeptes, den Wirkungszusammenhang zwischen Zeichen, Handlungen und visuell-kognitiven Aktivitäten im Rahmen von kartographischen Abbildungen und Präsentationen darzustellen. Wahrnehmung auf der Basis kartographischer Medien:

  • Ableitung von Karten und Virtuellen Landschaften aus Modellformen.
  • Wirkungszusammenhang zwischen Zeichen, Handlungen und visuell-kognitiven Aktivitäten.

2.1.1 Modellformen als Kartenvarianten

Wie schon in Kap. 1.3.1 ausgeführt wurde, sollen Kartographische Modellformen „als Vorstellungsschemata bzw. als optische Konstrukte zur Einschätzung der visuellen Ableitung und gedanklichen Identifizierung von georäumlichen Informationsmustern beitragen“. Die konzeptionelle Überleitung von Modellformen in konkreten Karten orientiert sich an den mit der jeweiligen Modellform vorgegebenen Strukturmerkmalen. Für diesen Modellierungsprozess müssen vor allem die konkreten Daten entweder den Datenmerkmalen der Modellform entsprechen oder gegebenenfalls durch Transformationen diesen angeglichen werden. Dies ist immer dann der Fall, wenn der vorliegen Datenstruktur ein geringerer Stellenwert zukommt als den Informationen, die nach der Umsetzung der ausgewählten Modellformen abgeleitet werden sollen. Die konzeptionelle Überleitung von Modellformen in Karten orientiert sich an den Strukturmerkmalen der jeweiligen Modellform.

Konkrete Daten müssen den Datenmerkmalen der Modellform entsprechen oder  durch Transformationen diesen angeglichen werden.

 

Für die empirischen Studien, die in Teil C der Arbeit dargestellt werden, wurden sieben Modellformen berücksichtigt (Abb 21.1 und Tab. 21.1). Zum einen sollten dabei die verwendeten substanziellen Daten (Z-Werte) in ihren optisch-visuellen Wirkungen in etwa vergleichbar sein. Zum anderen sollte insgesamt eine große Anzahl unterschiedlicher Strukturmerkmale zum Tragen kommen. Schließlich musste die Anzahl untersuchter Modellformen begrenzt werden, um die Untersuchungen im Rahmen der personellen, finanziellen und zeitlichen Ressourcen realisieren zu können. So konnten beispielsweise die Modellformen Dichtepunkte, Mosaikflächen und Liniensignaturen oder Liniendiagramme nicht berücksichtigt werden, obwohl sie spezifische Wirkungsmerkmale aufweisen und in der Praxis, wie es auch für die Mosaikflächen zutrifft, relativ häufig Verwendung finden. Die Kategorie Standortsignaturen oder Standortdiagramme können in ihren Wirkungen dagegen durch die Modellform Flächendiagramm „vertreten“ werden. Insgesamt wurde das Schwergewicht der Untersuchung auf das Merkmal „Oberflächen“ gelegt, da für diesen Datenbereich in der Zukunft ein großer Visualisierungsbedarf zu erwarten ist.

 

Folgende Merkmale von Modellformen wurden berücksichtigt

  • Daten mussten in ihren Wirkungen in etwa vergleichbar sein;
  • Es wurde eine große Anzahl von Strukturmerkmale berücksichtigt.
  • Die Wahrnehmung von Oberflächen stand im Mittelpunkt der Untersuchungen.
Ausgewählte Modellformen

Tab. 21.1 Ausgewählte Kartographische Modellformen

Abb. 21.2
Beispiel für Karten mit drei Attributebenen
(3x flächenförmige Modellform)
(aus Servatius 2009)

2.1.2 Karten mit mehreren substanziellen Attributen

Einige weitere Faktoren konnten im Rahmen der Untersuchungen nicht berücksichtigt werden, obwohl ihnen in der Praxis ein großer Stellenwert zukommt: Eine wichtige Aufgabe kartographischer Präsentationen ist die Abbildung mehrerer substanzieller Attribute (Z-Werten) im selben Raumausschnitt. Dies kann optisch verknüpft in einer Ebene oder optisch getrennt in mehreren Ebenen als sogenannte „Mehrschichtenkarte“ realisiert sein. Bei den Mehrschichtenkarten kommen spezifisch sensorisch-kognitive Merkmale zum Tragen, die u.a. von Tainz et al. (1991) untersucht wurden. Auch bei Bertin (1974) spielt dieser Aspekt der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung eine ganz spezifische Rolle. Schon in den 1990er Jahren konnten mit Hilfe eines sog. „Zeichenreferenzsystems“  hierarchisch angeordnete Themen in derselben Karte automatisch konstruiert werden, wobei sich Daten mit gleicher oder unterschiedlicher Grundrissdimension verarbeiten ließen (Kottenstein 1992). Einige wichtige Faktoren von Karten wurden in der Studie nicht berücksichtigt, obwohl sie in der Praxis häufig vorkommen:

Mehrere substanzielle Attribute in sog. „Mehrschichtenkarten“ dienen georäumlichen Vergleichen.

Mit Hilfe eines  „Zeichenreferenzsystem“ ist die automatische Konstruktion von hierarchisch angeordneten Themen in einer Karte möglich.

In Abbildung 21.2 wird als Beispiel gezeigt, dass drei substantielle Attribute mit identischen Grundrissdimensionen zusammen abgebildet werden können. Damit wurde im Rahmen einer empirischen Untersuchung demonstriert, dass es neben den vorgestellten Grundformen weitere Kombinationen und Erweiterungen von Kartographischen Modellformen geben kann. Bei der vorliegenden Karte ist beispielweise das Attribut „Durchwurzelbare Bodentiefe“ in Form von Gestuften Standortsignaturen abgebildet worden (vgl. Abb. 13.1), obwohl hier kein Standortbezug vorliegt, sondern sich die Daten auf „Gemarkungen“ (Gemarkungsgrenzen), d.h. auf Flächen beziehen. Diese Datenstruktur – Flächenbezug und ordinalskalierte Daten – wird in der Regel mit Hilfe der Modellform Choroplethen abgebildet. Dabei wurde die vorliegende graphische Form gewählt, um eine ausreichende Unterscheidung und deutliche visuelle Abstufung zwischen den Attributebenen zu erreichen. Auch das Attribut „Ertragspotential“ ähnelt in seiner graphischen Abbildungsform zwar der Modellform Dichtepunkte (vgl. Abb.13.2), besteht aber aus einer nach Helligkeitswerten abgestuften transparenten „Punkttextur“, die über den positiven Effekt verfügt, die „visuell darunterliegende“ graphische Ebene durchscheinen zu lassen. Da dreimal ordinalskalierte Daten vorliegen, wurden zur besseren visuellen Unterscheidung unterschiedliche Modellformen gewählt.
In der Arbeit von Kerstin Servatius (2009), aus der die Abbildung 21.2 entnommen wurde, werden vier Präsentations- und Wahrnehmungsbereiche separiert, in denen der Kartennutzer mit „dynamischen und interaktiven Methoden“ bei der Informationsverarbeitung unterstützt wird. Es werden von Servatius unterschieden (S. 35): In der Untersuchung werden vier Bereiche unterschieden, in denen die Informationsverarbeitung durch dynamische und interaktive Methoden“  unterstützt wird:
  • Themenentwicklung: schrittweise aufbauende Präsentation von Attributwerten verteilter Objekte; unterschieden nach verschiedenen Wertausprägungen durch Ein- und Ausblenden von Klassen;
schrittweise aufbauende Präsentation von Attributwerten;
  • Themenhervorhebung: interaktive Kennzeichnung von selbst ausgewählten Klassenelementen durch „Umrandungen“ oder „Aufblinken“;
interaktive Kennzeichnung von  ausgewählten Klassenelementen;
  • Themenreihung: interaktive und automatische Bearbeitung von drei Kartenthemen mit Kennzeichnung von Zwischenergebnissen in Präsentationen der Themenschichtung und Themengegenüberstellung.
Kennzeichnung von Zwischenergebnissen.
Die durchgeführten empirischen Untersuchungen zeigen, dass sowohl die grundlegenden Wirkungskriterien der verschiedenen Modellformen als auch automatisierte und interaktive Eingriffsmöglichkeiten den Wahrnehmungsprozess positiv beeinflussen können. Durch automatisierte und interaktive Eingriffe wird die Wahrnehmung beeinflusst.
Insgesamt kommen häufig bei der Kombination verschiedener Modellformen in derselben Karte Abbildungsregeln zur Anwendung, die zu einer komplexen und gegebenenfalls nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbaren Wirkung von Daten-, Geometrie-, Graphik- und Bedeutungsmerkmalen führen. Durch die Isolierung von „Wertstandorten“ oder die Bildung von Mustern ergeben sich durch die Mehrschichtigkeit von Karten zum Teil völlig neue Anforderungen an die sensorischen und kognitiven Prozesse der Wahrnehmung. Sowohl die gedankliche Bildung von Zielobjekten und die dadurch entstehende Ausrichtung der Aufmerksamkeit, als auch die erforderliche Erfassung und Speicherung von Zwischenergebnissen führen zu komplexen mentalen Prozessen. Die Kombination von mehreren Modellformen in derselben Karte führt häufig zu einer nicht mehr  nachvollziehbaren Struktur von Daten-, Geometrie-, Graphik- und Bedeutungsmerkmalen.

Es entstehen neue Anforderungen an die sensorischen und kognitiven Prozesse der Wahrnehmung.

 

Abb. 21.3 Mehrdimensionale kartographische Präsentationen von Trier
(Beispiele entstanden im Rahmen der Lehre und Forschung
an der Universität Trier 2001 – 2005)

Abb. 21.4
Landesgartenschau 2004 Trier (Videofilm)

2.1.3 Mehrdimensionale Karten

Neben der angedeuteten visuellen Wirkung von „Mehrschichtenkarten“, werden mit Hilfe digitaler und elektronischer Methoden und Verfahren Medienformen konstruiert, die einerseits die Sicht auf traditionelle kartographische Präsentationsformen modifizieren, aber andererseits diese Formen so weiterentwickeln, dass besonders der „bildliche“ und damit realistisch-visuelle Eindruck verstärkt wird. Dabei handelt es sich vor allem um einen Wechsel in der projektiven Sicht auf die abgebildete Oberfläche, also von der senkrechten in eine „Schrägsicht“. Zusätzlich wird damit die Dreidimensionalisierung von Zeichen oder von thematischen Zeichenkonstruktionen betont (vgl. Abb. 21.3), wie es auch im Konzept des Raumkontinums nach Spiess (1974) impliziert wird (vgl. Kap. 1.2). Bei Modellformen kann der „bildliche“ und damit realistisch-visuelle Eindruck  verstärkt werden.

Dabei wird die senkrechte und 2D-Sicht in eine Schräg- und 3D-Sicht verändert.

Eine zusätzliche Erweiterung ergibt sich durch die Konstruktion von realistischen dreidimensionalen Ansichten, unterschieden nach verschiedenen Stufen der „Realitätsnähe“ bzw. des „Detailierungsgrades“ (sog. Level of Detail). Ergänzt werden solche Präsentationen häufig durch „Navigatorische Funktionen“. Dabei werden durch automatische oder interaktive Steuerung die Blickposition und Blickausrichtung dynamisch verändert und damit die visuelle Orientierung in einem 3D-Modell ermöglicht. Diese Technik unterstützt sowohl die Präsentation „realer“ Ansichten als auch von abstrakten Thematiken (vgl. Abb. 21.3). Der Georaum wird außerdem in Form von realistischen dreidimensionalen Ansichten abgebildet. Ergänzt werden solche Präsentationen  durch interaktive und navigatorische Techniken.
Diese oder weiter entwickelte mediale Präsentationen können eine Alternative zu konventionellen Abbildungsformen darstellen. An der Universität Trier ist eine Serie empirischer Untersuchungen zur visuellen „Leistungsfähigkeit dynamischer 3D-Präsentationsformen“ durchgeführt worden. Fragestellungen bezogen sich auf die Form der Navigation, die Merkfähigkeit bei dreidimensionalen Szenen, Orientierungsangebote auf der Basis verschiedener Merkmalstrukturen und die damit verbundene Wiederholungssicherheit beim visuellen Abgleich von eingeprägten Ausschnitten realitätsnaher bzw. thematischer Ansichten (vgl. Tab. 21.2) Untersuchungen an der Universität Trier:

  • Form der Navigation,
  • Merkfähigkeit bei 3D- Szenen,
  • Orientierungsangebot von 3D-Merkmalstrukturen,
  • Wiederholungssicherheit beim visuellen Abgleich.
kartographische-studienprojekte-uni-trier Die Untersuchungen wurden von 13 Studentengruppen im Rahmen eines Kartographischen Projektstudiums durchgeführt (SS2004 bis SS2005).

Grundlagen bildeten Virtuelle Stadtlandschaften, die z.T. in vorhergehenden Semestern entwickelt worden sind.

Empirische Methoden:

  • Befragungen,
  • Bildschirmleistungstests mit Logfile-Analysen,
  • Blickbewegungsregistrierung.

Tab. 21.2 Wahrnehmung und Navigation in Virtuellen Landschaften (Kartographische Studienprojekte an der Universität Trier 2004/2005)

2.1.4 Karten und 3D-Sensordaten

Technologische Entwicklungen im Bereich der georäumlichen Datenerfassung, thematischen Modellbildung, Datenanalyse und nicht zuletzt der Visualisierung dreidimensionaler Landschaften –  vor allem Stadtlandschaften – haben dazu geführt, dass neue 3D-Analysekomplexe in unterschiedlichen Bereichen unter anderem der Planung, der Verwaltung, der Wirtschaft, des Tourismus sowie der Umwelt- und Geowissenschaften entstanden sind. Dreidimensionale Stadtmodelle werden und wurden vor allem aus Vermessungsdaten und digitalen Luft- und Satellitenbilddaten oder als Erweiterung, z.B. für digitale Geländemodelle bzw. zur Differenzierung der Vegetation, aus Radar- und Infrarotmessungen abgeleitet. Heute führen Laserscandaten durch die Modellierung von sogenannten „Punktwolken“  zu realitätsnahen Stadtansichten. Sowohl zur Visualisierung als auch zur georäumlichen Analyse werden 2D-Grundrisse der Landnutzung auf 3D-Elemente und Einheiten des Stadtraums, der Forst- und Landwirtschaft, des Verkehrs, der Ver- und Entsorgung und verschiedener natürlicher Bereiche ausgeweitet.

Technologische Entwicklungen haben dazu geführt, dass neue 3D-Analysekomplexe in   Verwaltung, Wirtschaft, Tourismus sowie Umwelt- und Geowissenschaften entstanden sind.

2D-Grundrisse der Bodennutzung werden mit 3D-Elementen  z. B. des Stadtraums, der Forst- und Landwirtschaft, des Verkehrs, der Ver- und Entsorgung kombiniert.

Abb. 21.5 Trierer Wohnumfeldqualitätsindex
(Datenerfassung: SS2006 Universität Trier)

Abb. 21.6
Navigation und Interaktionen
in Thematischen Stadtlandschaften

Insgesamt handelt es sich bei den genannten Bereichen um potentielle Handlungsfelder kartographischer Medienanwendung. Sowohl für die Forschung als auch für die praktische Anwendung werden dazu mit Hilfe automatischer Mess- und Berechnungsverfahren dreidimensionale Informationen gewonnen. Die Grundlage bilden geometrische Daten, die mit Hilfe von Heute werden zunehmend mit Hilfe automatischer Mess-und Berechnungsverfahren 3D-Informationen erfasst.
Üblich sind drei verschiedene Verfahren für Laserscanning-Plattformen.
erfasst werden. In der Forstwissenschaft werden beispielsweise, aus der Verknüpfung von 3D-Laserdaten der genannten Verfahren, Vegetationsstrukturen bzw. detaillierte Kennzahlen von Bäumen wie Kronenformen, Stammdurchmesser oder Rindenstrukturen abgeleitet und webbasiert zur Anwendung in der Forstwirtschaft zur Verfügung gestellt (vgl. Bienert 2013). Alternativen oder Ergänzungen sind Infrarot- und Radarmessungen.
In weiteren Bereichen und Anwendungen werden diese überwiegend geometrischen Informationen mit Daten aus Messungen elektromagnetischer, akustischer Strahlungen und chemischer Stoffe wie z.B. Geometrische Informationen werden durch Erfassung elektromagnetischer, akustischer Strahlungen sowie chemischer Stoffe erweitert.
  • Radiowellen, Radarerfassung (Wetter-, Oberflächenerfassung),
  • Gamma- und Röntgenstrahlen (Radioaktivitäts-Messung),
  • Schallwellen (Sonarmessung, Geräuschmessung),
  • Thermische Strahlungen (Infrarot-, Wärme- oder Temperaturmessung),
  • Emissionen, Immissionen (Austrags- und Eintragsmessung natürlicher und anthropogener Stoffe z. B. für den Umweltschutz)
kombiniert und führen zur Berechnung „thematischen Oberflächen“ wie z.B. als städtische „Thermaloberflächen“ (vgl. Kumke 2011) oder als „Schalloberflächen urbaner Räume“ (vgl. Leistner 2015). Besondere Merkmale dieser Oberflächen sind ihre quantitativen Eigenschaften, die anspruchsvolle geostatistische Analysen zulassen. Die aus den Messungen abgeleiteten „thematischen Oberflächen“ können besonders gut geostatistisch analysiert werden.
In diesem Zusammenhang der sich entwickelnden 3D-Welten wurden an der Universität Trier beispielhaft Thematische Stadtlandschaften modelliert, um herauszufinden, welche Wirkungsunterschiede bei der Informationsgewinnung zwischen 2D- und 3D-Präsentationen bestehen. In den Jahren 2003 bis 2007 wurden verschiedene Stadtparameter konventionell erfasst und u. a. die Themen „Wohnumfeldqualität“ und „Bodenversiegelung“ als Thematische Stadtlandschaften modelliert (vgl. Abb. 21.5). Besonderer Schwerpunkt ist dabei auf die interaktive Veränderung von thematischen Parametern gelegt worden, so dass der Systemnutzer selbständig einen unmittelbaren Wechsel im präsentierten Datenindex vornehmen kann (Matatko et al. 2009; vgl. Abb. 21.6). Insgesamt konnten aus den empirisch untersuchten Beispielen, wahrscheinlich aufgrund des komplexen graphischen und inhaltlichen Informationsangebotes, noch keine eindeutigen Wirkungsunterschiede zwischen 2D- und 3D-Präsentationsformen ermittelt werden (vgl. Reinermann-Matatko et al. 2011). Zur Visualisierung wurden an der Universität Trier Thematische Stadtlandschaften modelliert, um herauszufinden, welche Wirkungsunterschiede bei der Informationsgewinnung zwischen 2D- und 3D-Präsentationen bestehen.
Aktuell sollte aber für die oben genannten Anwendungsgebiete beobachtet und geklärt werden, inwieweit die entwickelten und zur Verfügung stehenden 3D-Oberflächen visuell d.h. in graphischer Form genutzt werden können. Ein wichtiges Kriterium ist dabei das quantitative Potential, dass mit den Oberflächen zur Verfügung steht und das unmittelbar numerisch abgeleitet werden kann. Bisher deutet sich eine Kombination von numerischer und visueller Analyse an, wobei allerdings der Schwerpunkt der Entwicklung eher auf die Erfassung und Modellierung  und weniger auf die Visualisierung von Daten gelegt wird.

Ein wichtiges Kriterium für  moderne Messverfahren ist das quantitative Potential, dass mit den 3D-Oberflächen zur Verfügung steht.

Es deutet sich eine Variation von numerischer und visueller Informationsverarbeitung an.

Allein für den Bereich visuelle Kommunikation und hier besonders für die Unterrichtung der Bevölkerung und für ihre Beteiligung an georäumlichen Planungen und konkreten Maßnahmen der Verwaltung oder der Wirtschaft, ist es besonders sinnvoll, leichtverständliche, variierbare sowie selbstständig und interaktiv nutzbare elektronische kartographische Medien anzubieten. Für die Ausrichtung Kartographischer Modellformen bedeutet dies, dass das  Schwergewicht von Analysen und Entwicklungen in Zukunft besonders auch auf diese Bereiche gelegt werden sollte. Kartographische Modellformen sollten konzeptionell besonders auf die kommunikativen Aspekte der Informationsverarbeitung ausgerichtet werden.