B 2.4 Wahrnehmung im Handlungsraum

2.4 Wahrnehmung im Handlungsraum

Vom Handlungsraum geht die Initiative aus, den „Blick“ auf den Zeichenraum zu richten und damit in die Aktivierungsphase eines Wahrnehmungsprozesses einzutreten. Ein Handlungsraum kann sein: Vom Handlungsraum geht der „Blick“ auf den Zeichenraum um den Wahrnehmungsprozess zu aktivieren.
  • eine physische Situation, in die der Wahrnehmende integriert ist, in der er gegebenenfalls (mental) agiert und aus der er handlungsorientierte Reaktionen und Entscheidungen ableitet oder
  • ein gedankliches Szenarium des Wahrnehmenden, in dessen Zusammenhang es zu handlungsorientierten Reaktionen und Entscheidungen im Rahmen eines Wahrnehmungsprozesses kommt.
Es muss ergänzt werden, dass unter Handlungsraum im vorliegenden Zusammenhang nicht ein optisches Szenarium zu verstehen ist, das in Karten repräsentiert wird und in dem „wahrnehmende Handlungen“ erfolgen (vgl. Bollmann 2001c). Mit „Handlungsraum“ ist nicht ein optisches Szenarium in der Karte gemeint.
Unter „Handlungsraum“ sind also Prozesse oder Vorgänge zu verstehen, nach denen sich Merkmale wie Handlungsablauf, Raumbezug von Prozessen und Bedarf an georäumlichen Informationen definieren lassen. In der Praxis können diese Merkmale allerdings nicht immer nachvollzogen oder exakt bestimmt werden. So existieren zwar Handlungssituationen, für die dies möglich ist, besonders bei Prozessen, die fachlich und organisatorisch reguliert sind und sich z.B. auf anspruchsvolle digitale Medien wie etwa Geoinformationssysteme stützen. Andererseits gibt es eine große Anzahl von Handlungsformen oder Kommunikationsprozessen, deren Strukturen nur eingeschränkt formal beschrieben oder nachvollzogen werden können. Dies betrifft heute zunehmend Anwendungen im Internet, wie z.B. bei der Nutzung von Kommunikationssystemen und Medien. Unter „Handlungsraum“ sind u.a. Vorgänge mit den Merkmalen Handlungsablauf, Raumbezug, Informationsbedarf zu verstehen.

In der Praxis können diese Kriterien allerdings nicht immer nachvollzogen oder exakt bestimmt werden.

Aufgrund dieser vielschichtigen Situation sollen folgende Zusammenhänge  dargestellt und vertieft werden: Es sollen bearbeitet werden:
  • „Kartographische Handlungsfelder“, in denen ein Großteil kartographischer Medienanwendungen und Wahrnehmungsprozesse zusammengefasst sind und die damit auch einen Einblick in die Vielschichtigkeit kartographischer Kommunikation zulassen;
Handlungsfelder:
Medienanwendungen, Prozesse der Informationsverarbeitung;
  • „Handlungsvorgänge“, aus denen gedankliche Zielvorstellungen für kartographische Wahrnehmungsprozesse abgeleitet werden und in deren Rahmen gedankliche Transformationen zwischen Informationen und Wissen erfolgen.
Handlungsvorgänge:
Ableitung von Zielvorstellungen, gedankliche Transformationen;
Die Bildung von Zielvorstellungen ergibt sich aus dem Austausch von Informationen, Wissen und Erkenntnissen und führt zu spezifischen Aufgabenstellungen, die in verschiedene Formen kooperativer oder kollaborativer Arbeit von Handlungsfeldern eingebunden sind (vgl. Bollmann 2000). Da es sich bei diesem letzteren Zusammenhang um einen umfangreichen und zum Teil von der Kartographie unabhängigen Erkenntnisbereich handelt, wird er im Rahmen dieser Arbeit lediglich soweit verfolgt, wie es oben angedeutet wurde. Zielvorstellungen ergeben sich aus dem Austausch von Informationen, Wissen und Erkenntnissen und führen zu spezifischen Aufgabenstellungen.

Abb. 24.1:
Schema kartographischer Handlungsfelder
(aus Bollmann 2002h)

2.4.1 Kartographische Handlungsfelder

Unter kartographischen Handlungsfeldern ist ein „organisatorisch-kommunikativer Zusammenhang zwischen spezifisch georäumlichen Handlungen und Formen kartographischer Unterstützung zu verstehen“ (Bollmann 2002h). Nach diesem Ansatz der Kartennutzung, bilden Handlungsfelder den Rahmen für konkrete raumbezogene Handlungsprozesse und die darauf ausgerichteten Formen kartographischer Informationsverarbeitung. Die Unterscheidung von kartographischen Handlungsfeldern verfolgt das Ziel, aus der Struktur georäumlicher Handlungen systematisch den Bedarf an medialen Unterstützungsformen abzuleiten (Bollmann 1996; Heidmann 1999; Uthe et al. 2002). Unter kartographischen Handlungsfeldern ist ein „organisatorisch-kommunikativer Zusammenhang zwischen spezifisch georäumlichen Handlungen und Formen kartographischer Unterstützung zu verstehen“.
Die Abgrenzung von Handlungsfeldern resultiert aus einem  spezifischen Bedarf und Austausch von Informationen und Wissen im Rahmen raumbezogener Handlungsprozesse. Handlungsvorgänge lassen sich in der Regel in Phasen unterteilen, die zu separaten Handlungsergebnissen bzw. Entscheidungen führen und die auf Wissen beruhen, das mit Hilfe bestimmter kartographischer Medien und Systeme übermittelt wird (vgl. Abb. 24.1). Die Abgrenzung von Handlungsfeldern resultiert aus einem  spezifischen Bedarf und Austausch von Informationen und Wissen im Rahmen raumbezogener Handlungsprozesse.
Der Stellenwert kartographischer Handlungsfelder wird besonders deutlich am Begriff „kartographische Anwendungsbereiche“. Diese stellen häufig im unterschiedlichen Umfang größere institutionelle Einheiten dar, wie etwa staatliche Ämter, universitäre Lehr- und Forschungsstellen oder privatwirtschaftliche Institutionen. Dabei zeichnen sich diese Institutionen häufig durch ein breites Spektrum an unterschiedlichen Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern bzw. Handlungssituationen aus, so dass es sinnvoll ist, diese Felder und Situationen abzugrenzen und für einen gezielten Einsatz kartographischer Informationen, Medien und Systemen im obigen Sinn zu definieren (vgl. dazu „Angewandte Kartographie“; Bollmann 2001a). Im Folgenden werden acht Handlungsfelder unterschieden (vgl. Abb.24.2) , die im Lexikon der Kartographie und Geomatik relativ ausführlich beschrieben sind (vgl. dazu auch Grochla 1973; Leser et al. 1988; Bollmann 1993; Heidmann 1996; Monmonnier 1997; Wiesner et al. 1997; Petkoff 1998; Shiffer 1998; Kieser et al. 2006; Mehler-Bicher et al. 2014) Kartographische Anwendungsbereiche: staatliche Ämter, universitäre Lehr- und Forschungsstellen, privatwirtschaftliche Institutionen u.ä.;
Ihre unterschiedlichen Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche können durch Kartographische Handlungsfelder abgegrenzt werden.
Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich zum Teil um wörtliche Textauszüge aus dem Essay: „Raumbezogenes Handeln und Angewandte Kartographie“ des Lexikons der Kartographie und Geomatik (Bollmann et al. 2002), die entsprechend den Zielen der vorliegenden Arbeit inhaltlich zusammengefasst und aktualisiert wurden: Bei den Ausführungen handelt es sich um wörtliche Textauszüge aus dem Essay: „Raumbezogenes Handeln und Angewandte Kartographie“.

Abb. 24.2:
Kartographische Handlungsfelder

Orientierung und Navigation
Zur Orientierung müssen Positionen von Standorten sowie Strecken oder Routen zur Erreichung von Zielorten visuell aufgefunden werden oder mental verfügbar sein. Zur Navigation im Sinne von Steuerung werden neben einer automatischen Positions- und Streckenbestimmung (Routenberechnung) dem Nutzer von Navigationssystemen Routenanweisungen und -korrekturen in multimodaler Form also verbal, schriftlich und mithilfe von Karten mitgeteilt. Orientierung und Navigation finden zum einen zur individuellen Fortbewegung von Personen bzw. von Fahrzeugen im Gelände, in der Luft oder auf dem Wasser statt, zum anderen im institutionellen Rahmen im Transport- und Speditionswesen oder beim Militär. Mit Hilfe von mobilen oder stationären Mediensystemen wird durch Positions-, Strecken- und Routeneintragungen sowie durch Perspektiven-, Maßstabs- und Ausschnittswechsel ein sich wiederholender Abgleich zwischen Karte, Raumvorstellung und realer Geländesituation unterstützt. Zur Vorbereitung eines Orientierungsprozesses können Informationen auch aus digitalen Geländemodellen oder aus Szenarien der Virtual reality gewonnen werden. Als zusätzliche Begleitung von (Orientierungs-) Prozessen werden zunehmend Verfahren und Technologien des „Augmented Reality“ (Erweiterte Realität) eingesetzt. Dabei werden visuelle Informationen der Realität durch parallel projizierte und elektronisch erzeugte Informationen ergänzt. Besonders interessant sind Verfahren, bei denen Orientierungsprozesse automatisch überprüft und mögliche Korrekturen als Handlungsanweisungen visuell eingespielt werden.

 

Orientierung:
Visuelles Auffinden von Positionen, Standorten, Strecken oder Routen zur Erreichung von Zielorten;

Navigation:
A
utomatischen Positions- und Streckenbestimmung sowie Routenanweisungen durch Navigationssysteme (verbal, schriftlich und graphisch);

Kartierung und Überwachung
Kartierung umfasst die momentane Aufnahme von fachspezifischen Daten an ausgewählten Standorten im Gelände; Überwachung impliziert dagegen die ständige Aufnahme von Daten im Gelände über einen längeren Zeitraum. Sie sind Teilvorgänge im Rahmen von Standort- oder Biotopkartierungen, von Umweltverträglichkeitsprüfungen, der Umweltüberwachung (Monitoring), des Katastrophenschutzes (hazard mapping) oder der laufenden Raumbeobachtung. Raumbezogene Kartierung und Überwachung sind vor allem eingebunden in Aufgabenfelder geowissenschaftlicher Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung oder von Hochschulen sowie von umwelt- und planungsbezogenen Ingenieurbüros.
Bei der Kartierung, d. h. der visuellen Beobachtung und Abschätzung sowie der Probenbestimmung oder -entnahme im Gelände, die häufig mit Laboranalysen verbunden ist, wird als grundlegender mentaler Vorgang laufend ein Abgleich zwischen ausgewählten Standorten oder Standortumgebungen sowie dem entsprechenden Eintrag in einem kartographischen Medium vorgenommen.
Bei der Überwachung von Umweltsituationen, unterstützen kartographische Medien die kontinuierliche, häufig auch automatische Beobachtung bzw. Messung von Umweltfaktoren über stationäre oder mobile Messsysteme wie GPS-gestützte Multisensorsysteme. Karten werden u. a. in der Messnetzplanung, zur Plausibilitätskontrolle gemessener Werte, zum lokalen Abgleich zwischen Ist- und Sollwerten, in der Überprüfung des Übertretens von Schwell- oder Grenzwerten sowie im Rahmen von Simulationsverfahren zur graphischen Vorhersage bei der Steuerung von Messsystemen eingesetzt.

 

Kartierung:
Aufnahme von fachspezifischen Daten an ausgewählten Standorten im Gelände;

Überwachung:
S
tändige Aufnahme von Daten im Gelände über einen längeren Zeitraum. Anwendungen als Standort- oder Biotopkartierungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Umweltüberwachung (Monitoring), Katastrophenschutz und laufende Raumbeobachtung;

Führung und Leitung
Raumbezogene Führung und Leitung erfolgen z. B. in Bereichen der öffentlichen Sicherheit, der Logistik, des Katastrophenmanagement, des Flottenmanagements (Fahrzeugnavigation) oder des Militärs, in denen der Einsatz von Personen und Maschinen sowie Transporte oder Bewegungen geplant und kontrolliert werden müssen. Unter Führung wird dabei das vorwiegend kommunikative Handeln von Personen mit Weisungsbefugnis gegenüber Weisungsempfängern z. B. im Rahmen einer Gruppe oder einer Organisation verstanden und ist damit auf Anweisungen und Kontrolle zur Erledigung von Aufgaben ausgerichtet. Leitung umfasst das Formulieren von Zielvorgaben verbunden mit Entscheidungen über zu treffende Maßnahmen. Diese werden auf der operativen Ebene in Form von konkreten Anweisungen durch die entsprechende Führung weitergegeben und dort praktisch umgesetzt. Da Leitungsfunktionen meist bereichsübergreifend angelegt sind, müssen Anweisungen in einer einheitlichen Sprache übermittelt werden, so dass kartographischen Medien in diesem Zusammenhang die Funktion zukommt, georäumliche Sachverhalte oder Vorgaben in vergleichbarer Form zu repräsentieren bzw. zu übermitteln.

 

Führung:
Kommunikatives Handeln von Personen mit Weisungsbefugnis im Rahmen einer Gruppe oder einer Organisation;

Leitung:
Formulieren von Zielvorgaben verbunden mit Entscheidungen über zu treffende Maßnahmen; wird in Form von konkreten Anweisungen praktisch umgesetzt;

Informationsverarbeitung
Die georäumliche Informationsverarbeitung umfasst die Durchführung von numerischen, geometrischen und logischen Operationen sowie von visuell-kognitiven Analyse- und Bewertungsvorgängen auf der Basis raumbezogener Daten und insbesondere mit Geoinformationssystemen oder anderer Visualisierungs-und Analysewerkzeugen. Sie ist in eine Vielzahl wissenschaftlicher, verwaltungstechnischer und ähnlicher Handlungsprozesse eingebunden. Vorgänge der Visualisierung von Daten und Bearbeitungsergebnissen sowie generell Vorgänge der Datenerfassung, -speicherung, -verwaltung, -berechnung und der Datenwiedergewinnung (Datenexploration) werden dabei durch verschiedene Formen kartographischer Informationsverarbeitung unterstützt. Dazu gehören auch die Konzeption oder Planung von Arbeitsphasen, z. B. durch die Abbildung von Eingabedaten bzw. Ausgangsmaterialien verschiedener Bearbeitungsschritte, der Ablauf von Informationsprozessen durch Abbildung von Zustands-, Modell- und Prognosedaten sowie die Dokumentation von Ergebnissen aus Datenerhebungen, -analysen, -bewertungen und von Modellberechnungen.

 

Informationsverarbeitung:
Durchführung von visuell-kognitiven Analysen und Bewertungen auf der Basis raumbezogener Daten mit Hilfe von Geoinformationssystemen oder anderer Visualisierungs-und Analysewerkzeugen;

Planung und Simulation
Aufgabe raumbezogener Planung und Simulation ist es, Erkenntnisse über zu planende Zustände und deren raumzeitlichen Bedingungsrahmen zu erarbeiten, um diese nachfolgend für die konkrete Veränderung der räumlichen Situation zu verwenden. Kartographische Medien unterstützen dabei das erforderliche vorausschauende räumliche Denken, indem u. a. sukzessive alternative mentale Vorstellungen zur Entwicklung georäumlicher Situationen abgebildet werden. Im Rahmen der Planung werden Erkenntnisse gewonnen, um ein ausgewähltes raumbezogenes Planungsobjekt schrittweise auf ein zu erreichendes Planungsziel auszurichten.
Im Rahmen der Simulation werden u. a. Auswirkungen von Handlungen und Entscheidungen in georäumlichen Situationen bzw. Planungsprozessen aufgezeigt und bewertet. Raumbezogene Planung und Simulation werden vorwiegend in der öffentlichen Verwaltung im Rahmen der Landes- und Kommunalplanung sowie in wissenschaftlichen Bereichen durchgeführt, um Defizite oder Entwicklungen in der räumlichen Umwelt auszugleichen bzw. vorausschauend zu steuern.
Kartographischen Medien kommt in den verschiedenen Phasen von Planungsprozessen die Funktion zu, den Planungsstand sowie die Plausibilität und die Auswirkungen von geplanten Maßnahmen festzuhalten und für die am Planungsprozess Beteiligten in fachbezogener Hinsicht und in allgemein verständlicher Form zu präsentieren. Im Rahmen von Simulationen haben kartographische Medien vor allem die Funktion, durch die sukzessive oder kontinuierliche Abbildung simulierter georäumlicher Situationen die schrittweise Bewertung und damit Steuerung des Simulationsprozesses zu unterstützen.

 

Planung:
Gewinnung von georäumlichen Erkenntnissen, um ein ausgewähltes raumbezogenes Planungsobjekt schrittweise auf ein zu erreichendes Planungsziel auszurichten;

Simulation:
Modellhaftes Aufzeigen und Bewerten von Handlungen und Entscheidungen in georäumlichen Situationen bzw. Planungsprozessen;

Unterrichtung und Mitteilung
Raumbezogene Unterrichtung kommt vor allem in der öffentlichen Verwaltung und in größeren Unternehmen zum Tragen. Die dort erfolgenden Verwaltungsvorgänge oder Geschäftsabläufe sind mit begleitenden informellen Vorgängen verbunden. Raumbezogene Mitteilung als grundlegender und umfassender Bereich kartographischer Informations- bzw. Wissensübertragung, umfasst sämtliche Gebiete, in denen georäumliche Fakten zu interessierenden Sachverhalten vermittelt werden und die zur Wissenserweiterung zur Meinungsbildung oder zur Verhaltensauslösung führen sollen.
Dies betrifft in der Öffentlichen Verwaltung und in Unternehmen beispielsweise die Berichtslegung, die Kenntnisnahme sowie die Rückmeldung über die Erfüllung einer Anweisung. Die Wissensinhalte können u. a. generelle Ergebnisinformationen oder Informationen über alternative Ausführungswege sowie im Vorgang behandelte Ereignisse sein.
Raumbezogene Mitteilung umfasst allgemeine und langfristig angelegte Beschreibungen georäumlicher Situationen im Rahmen der Geographie, den Geo- und Umweltwissenschaften, des Fremdenverkehrs u.ä., die beispielsweise zur Fachdiskussion oder zum allgemeinen Informieren übermittelt werden. Sie umfasst aber auch zeitlich begrenzte Mitteilungen über Geschehen in Krisengebieten, über Unfälle oder über die Wettersituation. Letztere werden in kartographischer Form z.B. durch das Fernsehen, durch die Printmedien und das Internet übermittelt und unterliegen häufig keinen Vorgaben oder keiner Normung. Raumbezogene Mitteilung erfolgt heute zunehmend mit netzbasierten elektronischen Medien als interaktive Kommunikationsform (Internetkartographie, elektronische Atlanten, Hypermedia) oder durch dynamische Verfahren der kartographischen Animation.

 

Unterrichtung:
Begleitende informelle Aktionen im Rahmen von Verwaltungs- oder Geschäftsabläufen u.a. durch georäumliche Abbildungen;

Mitteilung:
Abbildung und Vermittlung von georäumlichen Fakten und Sachverhalten, die zur Wissenserweiterung, Meinungsbildung und Verhaltensauslösung führen sollen;

Dokumentation und Archivierung
Georäumliche Dokumentation umfasst die Strukturierung von georäumlichem Wissen in Karten, wobei allerdings dessen kommunikativer Übermittlung nur ein geringer Stellenwert zukommt. Dokumentation kann als Verfahren zur graphischen Externalisierung von mentalem Wissen angesehen werden. Dabei werden medienbedingte Eigenarten von Karten genutzt, um partielle Schwächen der mentalen Verarbeitung, wie etwa die Begrenztheit der Aufnahme von geometrischen Grundrissmerkmalen, auszugleichen. Georäumliche Archivierung umfasst eine nach räumlichen Kriterien vorgenommene Strukturierung und Vorhaltung von Dokumenten für Recherchen oder Wiedervorlagen. Archiviert werden analoge oder digitale kartographische Medien in Form elektronischer Kartensammlungen oder Fachkatastern sowie elektronische Recherche- und Ausleihvorgänge mithilfe visuell-kartographischer Werkzeuge. Raumbezogene Dokumentation und Archivierung findet vorwiegend im Bereich des Geodatenmanagements statt, wie etwa in behördlichen Institutionen, in Kartensammlungen, in Bibliotheken sowie in geowissenschaftlichen Einrichtungen von Hochschulen.

 

Dokumentation:
Strukturierung von georäumlichem Wissen in Karten;

Archivierung:
Eine nach räumlichen Kriterien vorgenommene Strukturierung und Vorhaltung von Dokumenten für Recherchen oder als Wiedervorlagen;

Lernen
Im Rahmen des raumbezogenen Lernens werden Wissen und Erkenntnisse u. a. durch kartographische Medien in strukturierter Form abgebildet und lernorientiert präsentiert. Zur Unterstützung und Steuerung von Lern- und Wissenserwerbsprozessen werden z. B. in der Schule neben traditionellen Medien wie Atlanten, Wandkarten und Schulbüchern zunehmend elektronische Atlanten, tutorielle Systeme und hypermediale Kartensysteme als Lernumgebung eingesetzt. Mit ihrem Einsatz wird generell das Ziel verfolgt, erstens die Erschließung georäumlicher Thematiken verstärkt in Abhängigkeit vom individuellen Leistungs- und Kenntnisstand des Lernenden (Kartennutzer) und durch Aktivierung von Vorwissenspotentialen zu unterstützen und zweitens eine Abkehr von der traditionellen Lehrer-Schülerrolle zu erreichen. Kartographische Medien fördern dabei nicht nur die Aufnahme von georäumlichem Faktenwissen, sondern vermitteln insbesondere Einsichten in komplexe räumliche Zusammenhänge, Beziehungen und Ursachen. Das raumbezogene Lernen wird in der Schule, in der Hochschule sowie in anderen Bildungsinstitutionen und -bereichen zukünftig durch Verfahren der virtual reality und durch sogenannte Kooperationstechniken stark beeinflusst werden. Verfahren der virtual reality unterstützen dabei die Bereiche Training und Planspiele, weiterentwickelte VRML-Standards in Verbindung mit Spracheingabe und Sprachausgabe das natürliche Lernen sowie Tele-Kooperation und Telepräsenz insbesondere Gruppenlernen und Beratung (kooperatives Arbeiten).

 

Lernen:
Abbildung und lernorientierte Präsentation von raumbezogenem Wissen u. a. durch kartographische Medien;

Zur Unterstützung des Lernens werden neben traditionellen Medien zunehmend elektronische Atlanten, tutorielle Systeme und hypermediale Kartensysteme als Lernumgebung eingesetzt.

Die hier aufgeführten Begriffe bzw. Bezeichnungen für Handlungsfelder sind unter anderem aus den Fachdisziplinen Organisations- und Handlungstheorie sowie Organisations- und Kommunikationsmanagement abgeleitet und gehen sicherlich nicht immer konform mit „gebräuchlichen“ oder umgangssprachlichen Begrifflichkeiten. Die Aufteilung hat das Ziel, relativ einheitliche Arbeitsformen mit bestimmten Merkmalausprägungen wie etwa Kommunikationsabläufe und zu vermittelnde Erkenntnis- und Wissensansätze zusammenzufassen. Wie aber deutlich wird, spiegeln die bisherigen Beschreibungen in den meisten Fällen ein sehr breites Spektrum an Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern wider, das noch nicht geeignet ist, nähere Angaben zu handlungsorientierten Zielvorstellungen, wie es für das Konzept „Zeichenraum/Handlungsraum“ angestrebt wird (vgl. Kap. 2.2.2), abzuleiten. Die bisherigen Beschreibungen betreffen ein sehr breites Spektrum an Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern. Es beinhaltet aber noch keine ausreichenden  Angaben zur Ableitung von handlungsorientierten Zielvorstellungen.

2.4.2 Informationen, Medien und Handlungen

Im Rahmen von Kartographischen Handlungsfelder erfolgen verschiedene physische („körperliche“) und mentale Tätigkeiten, zu deren Unterstützung georäumliche Informationen und georäumliches Wissen erforderlich sind. Mit Hilfe von zwei Fragestellungen soll dieser zentrale Bereich kartographischer Informationsverarbeitung weiter differenziert und abgegrenzt werden: Im Rahmen  Kartographischer Handlungsfelder erfolgen verschiedene Tätigkeiten zu deren Unterstützung Informationen und Wissen erforderlich sind.
  • Welche gedanklichen Strukturen kommen Phasen von Handlungsfeldern zu, in denen Informationen verarbeitet werden oder in denen mit Hilfe von Medien kommuniziert wird? In welcher gedanklichen Form und in welchem Zusammenhang mit Tätigkeiten werden Informationen, Wissen und Erkenntnisse in diesen Phasen als Zielvorstellungen abgeleitet und welches aus Medien gewonnene Wissen wird zur Unterstützung von Tätigkeiten eingebracht?
Welche gedanklichen Strukturen kommen Phasen von Handlungsfeldern zu, in denen Informationen verarbeitet werden oder in denen mit Hilfe von Medien kommuniziert wird?
  • Welche Medienformen, wie Texte, Bilder, Graphiken, Karten, Filme, Tabellen und Diagramme stehen zur Anwendung im Rahmen von Handlungsprozessen zur Verfügung und welche Formen von Informationen können aus diesen Medien abgeleitet werden?
Welche Medienformen stehen zur Anwendung im Rahmen von Handlungsprozessen zur Verfügung?
Im Zentrum stehen also zum einen das Einwirken von kartographischen Informationen auf Tätigkeiten (Handlungen) in georäumlichen Handlungsprozessen und zum anderen das Zusammenwirken unterschiedlicher Medienformen bei der Informations- und Wissensbildung („mediale Kohärenzbildung“; vgl. Kap. 4.). Ein Zusammenspiel von Medien ist tägliche Praxis und hat sich  im Rahmen von elektronischen Umgebungen und besonders für georäumliche Fragestellungen zunehmend  etabliert. Die gezielte mediale Unterstützung (Beeinflussung) von Tätigkeiten oder Handlungen ist dagegen ein Bereich, in dem der Einsatz verschiedener Medien häufig zufällig oder aufgrund von Gewohnheiten erfolgt. Lediglich in einigen wenigen Bereichen, wie z. B. der schulischen Didaktik, werden Medien gezielt und wissenschaftlich nachvollziehbar im Verbund untersucht und eingesetzt. Insgesamt steht diese mediale und informationelle Situation in enger Beziehung zur Wirkungsweise von  Kartographischen Modellformen und wird daher im Folgenden weiter berücksichtigt. Ein Zusammenspiel von Medien ist tägliche Praxis und hat sich  im Rahmen von elektronischen Umgebungen etabliert.
Die mediale Unterstützung von Tätigkeiten geschieht dagegen  eher zufällig, außer z. B.  in der schulischen Didaktik.
Aus der Organisations- und Handlungstheorie liegen formale Differenzierungen über Voraussetzungen, Abläufe und Ziele von Handlungen vor. Ausgehend von den theoretischen Ansätzen der kartographischen Informatik und der kartographischen Kommunikation lassen sich spezifische Kriterien der Informationsverarbeitung und der Datenorganisation aus den Rahmenbedingungen von Handlungen ableiten. Die im Folgenden differenzierten Erläuterungen zu den Kartographischen Handlungsfeldern stützen sich auf eine breit gefächerte Literatur, die  schon beispielhaft in Kap. 2.4.1 aufgeführt wurde. Der Stellenwert und die Wirkung von Medien spielen dort allerdings häufig nur peripher eine Rolle, das heißt, dass strukturelle Angaben zum Einsatz von Medien im Rahmen von handlungsorientierten Tätigkeiten weitgehend fehlen. Im Lexikon der Kartographie und Geomatik sind im Essay „Raumbezogenes Handeln und Angewandte Kartographie“ die wichtigsten gedanklichen und kommunikativen Faktoren und Prozesse von Handlungsfeldern textlich aber vor allem auch graphisch erklärend zusammengefasst (Bollmann et al. 2002). Im folgenden Kapitel werden daraus die wichtigsten Parameter systematisch zusammengeführt und erläutert. Wichtige Faktoren von Handlungen sind:
Handlungstyp, Handlungsobjekt,
Charakter des Handlungsprozesses. Ziel ist Aussagen über die Organisation von handlungsorientieren Informationsprozessen abzuleiten.

2.4.3 Merkmale kartographischer Handlungsfelder

Bei den aufgeführten Größen handelt es sich um formale Parameter, mit deren Hilfe die acht aufgeführten Handlungsfelder systematisch vergleichbar strukturiert werden. Die Parameter sind danach auf die Struktur der Handlungsfelder ausgerichtet, die Parameterwerte kennzeichnen deren jeweiligen Ausprägungen, Eigenschaften und informationellen Strukturen. Als übergeordnete Gliederung werden die Abschnitte „Kommunikative Merkmale“ und „Informations- und Wissensverarbeitung“ unterschieden. Wie vielleicht deutlich wird, sind diese Abschnitte besonders auf Fragestellungen der vorliegenden Arbeit ausgerichtet.
Kommunikative Merkmale: In diesem Abschnitt sind die Bereiche „Handlungsstruktur“, „Daten und Medien“ und „Informationsstruktur“ unterschieden. Diese Parameter bilden quasi die Voraussetzungen, nach denen Informationen und Wissen in den verschiedenen Handlungsprozess benötigt werden und mit Hilfe von Kartographischen Medien bereitgestellt werden können:
Handlungsstruktur:

  • Vorgänge: z.B. operative, kognitive und kommunikative Vorgänge im Handlungsablauf;
  • Elemente: z.B. Standorte, Routen, Daten, Räume, Personen, Materialien, Wissen, Raumausschnitte, Dokumente;
  • Struktur: z.B. Routinevorgänge mit bekannten Abläufen, Vorgänge mit offener Ausrichtung, Vorgänge mit speziell fachlicher oder didaktischer Ausrichtung;
Daten und Medien:

  • Erfassungs- und Verwaltungsstruktur: Unterscheidung der Herkunft und Ausrichtung von Daten und Medien;
  • Einsatz- und Übertragungsstruktur: Übertragung, Speicherung und Strukturierung von Daten; Umsetzung in Form von Ergebnissen;
Informationsstruktur und -verarbeitung:

  • Eingangsinformationen: Bezug von Informationen mit mentaler, verbaler oder medialer Herkunft;
  • Verarbeitungsformen: Verbale, mediale und mentale Verarbeitung von Informationen;
  • Transformationen: Mentale Prozesse zur Überführung von Informationen und Wissen in andere Formen;
  • Ergebnisinformationen: Informationen und Wissen, die zum Abschluss eines Handlungsprozesses zur Verfügung stehen oder weitergegeben werden;
Merkmale der Informations- und Wissensverarbeitung: In diesem zweiten Bereich wird unterschieden, auf welches Ziel die Erkenntnisgewinnung ausgerichtet ist und in welchem Kontext dabei Medien genutzt werden. Weiterhin werden die Situation von Handlungen, die damit verbundenen Kommunikationsformen und gedankliche Operationen dargestellt:
  • Einsatzsituation von Karten: z.B. Gelände u. Fahrzeug, Gelände u. Kontrollfunktion, Daten u. Prozessmanagement, Präsentationssituationen;
  • Materieller oder gedanklicher Bezug: z.B. Standort, Prozessablauf, Organisationszusammenhang, Daten u. Präsentationen, Kompetenzniveau, Wissen u. Erkenntnisse;
  • Ausrichtung gedanklicher Arbeit: z.B.  Zielpunkt erreichen, Standorte bestimmen, Aktionen und Tätigkeiten planen, Wissens erzeugen, Erkenntnisse ordnen, Strukturen herstellen;
  • Kommunikationseinbindung: z.B. materiell, gedanklich, kooperativ , kollaborativ, sozial, lernend;
  • gedankliche Operationen: z.B. Überführen, Überprüfen, Vergleichen, Bewerten, Schlussfolgern, Hypothesen bilden;
Insgesamt soll mit diesen Differenzierungsschritten ein Anhalt geschaffen werden, mit dessen Hilfe verwertbare Aussagen zur Organisation von Handlungszielen und zum Ablauf von handlungsbasierten kartographischen Informationsprozessen abgeleitet werden können. Ausführliche Erläuterungen sind, wie schon aufgeführt, unter Bollmann et al. (2002) im Lexikon der Kartographie und Geomatik dargestellt. Es muss allerdings insgesamt angemerkt werden, dass der Inhalt der meisten aufgeführten  Parametern bzw. Parameterwerten nur schwer zu formalisieren ist. Für eine auf Handlungssituationen ausgerichtete kartographische Wahrnehmung und Kommunikation wäre es aber sicherlich sinnvoll, diese und weitere Erkenntnisansätze zu vertiefen.