B 2.3 Wahrnehmung im Zeichenraum

2.3 Wahrnehmung im Zeichenraum

Der Mensch stützt sich bei der visuellen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung nicht nur auf ein bestimmtes „graphisches Angebot“, sondern er modifiziert dieses unbewusst sensorisch und gedanklich, so dass es seinen momentanen und gegebenenfalls langfristigen Bedürfnissen oder gestellten Aufgaben besser entspricht. Abgesehen von diesen Veränderungen, auf die der Organismus in der Regel keinen unmittelbaren Einfluss nimmt, wirken zusätzlich Relationen (Kontraste) von optischen Reizen, die sich aus dem graphischen Angebot selbst ergeben und die zum Beispiel, wie bei Helligkeitsabstufungen, in ihren Wirkungen häufig nicht mehr den vorgegebenen „realen Unterschieden“ entsprechen. Besonders differenziert stellen sich Merkmale und Beziehungen von Farben dar, bei denen sich häufig nur schwer nachvollziehbare Abweichungen zwischen vorgegebener Graphik und wahrgenommener Farbstruktur ergeben (vgl. Teil A Kap. 2.2). Der Mensch stützt sich bei der sensorischen und kognitiven Informationsverarbeitung nicht nur auf ein bestimmtes „graphisches Angebot“, sondern er modifiziert dies unbewusst, so dass es seinen momentanen und langfristigen Bedürfnissen oder gestellten Aufgaben besser entspricht.

Klassen von georäumlichen Informationen

Abb. 23.1
Klassen von georäumlichen Informationen (aus Müller 2000)

Bei dem dargestellten Zusammenhang zwischen Zeichenraum, Handlungsraum und Kognitivem Raum wird nicht nur die graphische und reizbedingte Ebene der Wahrnehmung, wie es vor allem in Teil  A der Arbeit ausgeführt wurde, sondern besonders die gedanklichen Prozesse der Verarbeitung von angebotener Graphik berücksichtigt. Diese Verarbeitung wird durch eine große Anzahl von Faktoren beeinflusst bzw. häufig gesteuert und geprägt. Im Zeichenraum werden verschiedene Arten von georäumlichen Informationen angeboten (vgl. Abb. 23.1). So ist beispielsweise bei bestimmten topologischen oder euklidischen Relationen, die für georäumliche Analysen relevant sind, zur Identifizierung von Merkmalen abstraktes Wissen erforderlich, um den Identifizierungsprozess zu beschleunigen und abzusichern. Dabei sind, um diese Merkmale identifizieren zu können,  zwar in der Regel nur geringe gedankliche Fähigkeiten erforderlich, es muss aber häufig spezifisches fachliches Wissen verfügbar sein, um sie sicher selektieren und in konkrete Zusammenhänge einordnen zu können. Der dargestellte Zusammenhang zwischen Zeichenraum, Handlungsraum und Kognitivem Raum berücksichtigt die graphische und reizbedingte Ebene der Wahrnehmung und besonders die gedankliche Verarbeitung der angebotenen Graphik.

Abb. 23.2
Identifizierung und Verarbeitung georäumlicher Informationen

Die in Abbildung 23.2  aufgeführten Beispiele aus einer topographischen Karte zeigen, dass zur Identifikation bestimmter Informationen klar definierte Zielvorstellungen oder Instruktionen erforderlich sind, da aus jedem der abgebildeten Ausschnitte verschiedene Bedeutungskonstrukte abgeleitet werden können, d.h. auch eine unterschiedliche Identifikation von Informationen möglich ist. Der Eindruck dieser „Mehrdeutigkeit“ kartographischer Repräsentationen ergibt sich zum Teil auch aus den im Teil A der Arbeit beschriebenen komplexen und häufig widersprüchlichen Bedeutungs- und Beziehungsstrukturen von Daten- und Zeichen  (A Kap. 4). Die in Abbildung 22.3  aufgeführten Beispiele zeigen, dass zur Identifikation von Informationen klar definierte Zielvorstellungen erforderlich sind.
Der Prozess der kartographischen Wahrnehmung- und Informationsverarbeitung stellt sich als ein „langbestehender Kulturprozess“ dar, wodurch angenommen werden kann, dass zur Interpretation von Karten und generell zur erfolgreichen Kartennutzung schon im frühen Lebensalter elementare Fähigkeiten zur Verfügung stehen (vgl. Teil A Kap. 3.2). Mit diesen Annahmen im Hintergrund, soll im Folgenden zuerst das Wahrnehmungsgeschehen als Beziehung zwischen Zeichen- und Kognitivem Raum und danach zwischen Kognitivem- und Handlungsraum betrachtet werden. „Kartographische Wahrnehmung- und Informationsverarbeitung“ ist ein langbestehender Kulturprozess. Daher ist zu vermuten, dass zur Interpretation von Karten schon elementare Fähigkeiten zur Verfügung stehen.
Unter dem Begriff „Arbeitsgraphik“ werden verschiedene kartographische Präsentationsformen zusammengefasst, die dem Wahrnehmenden zur interaktiven Informationsverarbeitung zur Verfügung stehen (vgl. Bollmann 1996; Heidmann 1999; Müller 2000). Darin werden das eigentliche Kartenbild, die zugehörige Legende und gegebenenfalls weitere Medien unterschieden, die bei der Bildschirmarbeit eine Rolle spielen. Im Gegensatz zu dieser weitgefassten Auslegung von „Informationsverarbeitung“ werden die folgenden Ausführungen vorerst auf den unmittelbaren visuell-kognitiven Prozess begrenzt, der zwischen Wahrnehmenden und einem Kartenbild erfolgt, also auf die unmittelbare Beziehung zwischen repräsentiertem optischen Konstrukt und wahrnehmenden Organismus. In den folgenden Ausführungen wird „Wahrnehmung“ auf den unmittelbaren visuell-kognitiven Prozess begrenzt, der zwischen Wahrnehmenden und einem Kartenbild erfolgt, also zwischen  repräsentiertem optischen Konstrukt und wahrnehmenden Organismus.

2.3.1 Visuelle und gedankliche Potentiale

Die meisten im letzten Kapitel aufgeführten Wahrnehmungsaspekte sollen  darauf hinweisen, dass der georäumliche Wahrnehmungsprozess vor allem durch gedankliche Vorstellungen bzw. verfügbares Wissen unterstützt bzw. gesteuert wird. Zu diesem Zusammenhang kartographischer Wissensstrukturen und Wahrnehmungsverlauf existieren bisher allerdings noch keine vertiefenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. So ist naheliegend, dass vor allem bei geo- und umweltwissenschaftliche Karten, in denen neben georäumlichen Basisinformationen komplexes fachliches Wissen abgebildet ist, für georäumliche vor allem auch für spezifisch fachliche Analysen umfangreiche methodische Fähigkeiten erforderlich sind (vgl. z. B Kuckuck et al. 2016). Der georäumliche Wahrnehmungsprozess wird wesentlich durch gedankliche Vorstellungen bzw. verfügbares Wissen unterstützt.
So ist zu vermuten, dass bei gedanklicher Verfügbarkeit von fachlichen Wissensstrukture in der Regel konkrete Zielvorstellungen in den Wahrnehmungsprozess eingebracht werden. Besonders zu Beginn des Wahrnehmungsverlaufs wirken diese Wissensstrukturen als gedankliches „Aktivierungspotenzial“, das den visuellen Einstieg in den Zeichenraum initiiert und den Ablauf des Wahrnehmungsprozesses begleitet und woraus nicht zuletzt die zu erwartenden Ergebnisse resultieren. Zu Beginn eines Wahrnehmungsprozesses wirken Wissenstrukturen als gedankliches Aktivierungspotenzial, das den visuellen Einstieg in den Zeichenraum initiiert.
„Zielvorstellungen“ und „Aktivierungspotenzial“ bilden quasi den Rahmen für die Durchführung eines geplanten kartographischen Wahrnehmungsprozesses. Das häufig große Angebot an Informationen im Zeichenraum führt dazu, dass das optische Szenarium visuell-gedanklich strukturiert wird, indem die Aufmerksamkeit, in Abhängigkeit vom vorgegebenen Stellenwert, in unterschiedlicher Intensität auf einzelne Elemente, Klassen oder Konstrukte  gerichtet wird. Dieser Vorgang kann durch eine ausgeprägte „Zielorientiertheit“ und der Verfügbarkeit spezifischer Fähigkeiten begleitet sein, die dann zu einer Strukturierung des Wahrnehmungsprozesses führen. „Zielvorstellungen“ und „Aktivierungspotenzial“ bilden den gedanklichen Rahmen für die Durchführung eines geplanten kartographischen Wahrnehmungsprozesses.
Aus kartographischer Sicht ist nicht nur von Interesse, ob überhaupt und zu welchem Zeitpunkt im Wahrnehmungsverlauf diese gedanklichen Einstellungen zum Tragen kommen, sondern vielmehr, welches Wissen gedanklich verfügbar sein muss, um ein vorgegebenes Informationsangebot auf wesentliche Merkmale und Strukturen vorab fokussieren bzw. reduzieren zu können. So kann beispielsweise davon ausgegangen werden, dass bei gedanklich vorgegebenen Zielvorstellung, wie etwa „Verkehrsrouten in Gebirgsregionen zu analysieren“, den Bereichen „Küstengebieten“, zumindest zu Beginn des Wahrnehmungsprozesses, nur ein geringer Stellenwert zukommt. Oder es kann erwartet werden, dass bei der Zielvorstellung „das inhaltliche Angebot einer Karte zu analysiert“, der graphischen Struktur der Karte vorerst keine bewusste Aufmerksamkeit geschenkt wird. Allgemein ist somit anzunehmen, dass für einen Wahrnehmungsprozess bestimmte eingrenzende und zielführende Merkmale, Faktoren und Größen gedanklich isoliert werden, die als  „thematisches Gerüst“ die Ausrichtung und Steuerung der folgenden sensorischen und kognitiven Vorgänge beeinflussen. Es ist nicht nur von Interesse, ob überhaupt und zu welchem Zeitpunkt im Wahrnehmungsverlauf diese gedanklichen Einstellungen zum Tragen kommen, sondern welches Wissen gedanklich verfügbar sein muss, um ein vorgegebenes Informationsangebot auf wesentliche Merkmale und Strukturen vorab reduzieren bzw. fokussieren zu können

2.3.2 Visuelle Kenngrößen

Ausgehend von den oben skizzierten Überlegungen, werden im Folgenden grundlegende graphische und inhaltliche Merkmale kartographischer Wahrnehmungsprozesse formal strukturiert. Die dazu unterschiedenen visuellen Kenngrößen und ihre jeweiligen Ausprägungen repräsentieren dabei Zielvorstellungen, auf die der Verlauf eines Wahrnehmungsprozesses ausgerichtet ist. Dabei können sich die gedankliche Verfügbarkeit und die Ausprägung der Kenngrößen im Verlauf eines Wahrnehmungsprozesses verändern. Das Wissen im kartographischen Wahrnehmungsprozess kann auf der Grundlage von Visuellen Kenngrößen (Parameter) formal strukturiert werden.
„Visuelle Kenngrößen“ sind zum einen auf die Aktivierung eines Wahrnehmungsprozesses aber und zum anderen auch auf den gesamten Wahrnehmungsverlauf ausgerichtet. Sie bestimmen maßgeblich die Blickrichtung, den visuellen Abgleich zwischen mental repräsentierten und visuell wirkenden Reizkonstrukten, den Verlauf des kognitiven Verarbeitungsprozesses und vor allem die Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Die Parameter gelten in der Regel nur für eine abgegrenzte Wahrnehmungsphase und werden sich vermutlich bei Veränderung von Zielvorstellungen oder der Ausrichtung der Aufmerksamkeit den entsprechenden neuen Wahrnehmungsbedingungen anpassen. In Tabelle 23.1 ist ein Modell von Kenngrößen aufgeführt: „Visuelle Kenngrößen“ sind auf die Aktivierung der Wahrnehmung ausgerichtet und begleiten den gesamten Prozess der Informationsverarbeitung.

Tab. 23.1 Visuelle Kenngrößen im kartographischen Wahrnehmungsprozess

Die Kenngrößen stellen gedankliche Einheiten dar, mit deren Hilfe zielgerichtet georäumliche Informationen gewonnen werden sollen. Dabei kann vermutet werden, dass dieser Zusammenhang  nur zum Teil bewusst realisiert wird. Die Kenngrößen ergeben sich im Wesentlichen aus expliziert formulierten oder gedanklich entwickelten Zielvorstellungen im Handlungsraum. Ihre formalen Merkmale resultieren aus langfristig gespeichertem Wissen, das aber auch kurzfristig durch unmittelbar abgeleiteten Erfahrungen und sich daraus ergebenden Erwartungen und gegebenenfalls Emotionen zusätzlich modifiziert sein kann. Zur Verdeutlichung des Konzepts werden vier Wahrnehmungsszenarien beispielhaft vorgestellt: Kenngrößen stellen gedankliche Einheiten dar, mit deren Hilfe zielgerichtet georäumliche Informationen gewonnen werden sollen.

Es werden vier Wahrnehmungsszenarien vorgestellt:

Tab. 23.2 Verlauf einer Strecke

Eine häufig vorkommende Fragestellung im Rahmen eines Orientierungsvorgangs, ist die visuell-gedankliche Reproduktion eines Streckenverlaufs, auf dessen Basis die Entscheidung zur Ausführung einer „Wanderung“, einer „Autofahrt“ u.ä. fallen soll. In der Regel positioniert sich dazu der Wahrnehmende visuell-gedanklich auf einen Ausgangspunkt (A) (allozentrisch). Von dort aus wird mit Hilfe visueller  Orientierungsoperationen (Orientierung) unter Berücksichtigung der Zielposition B die gesamte Strecke sowie relevante umgebende Objekte (Abschnitt) identifiziert, gedanklich extrahiert und gegebenenfalls als Wissen gespeichert  (inhaltlich) (Tab. 22.2). Orientierung  und gedankliche Positionierung  (allozentrisch);   Orientierungsoperationen  unter Berücksichtigung der Zielposition (Orientierung); Orientierung auf der gesamten Strecke (Abschnitt); visuell Verarbeitung von Elemente der Strecke (inhaltlich).

Tab. 23.3 Bildung eines räumlichen Überblicks

Bei der Präsentation einer Karte, z.B. am Bildschirm, ergibt sich häufig die Situation, dass diese hinsichtlich ihres gesamten repräsentierten Inhalts vorbestimmt werden soll (Gesamtheit). Dabei wird der abgebildete Raumausschnitt als Vorstellungsrahmen genutzt (raumbegrenzend), und die inhaltlichen Klassen, Objekte etc. (inhaltlich) in ihrem Vorkommen, ihren Positionen und ihren Vernetzungen identifiziert und gegebenenfalls extrahiert und gedanklich gespeichert (Musterbildung) (Tab. 22.3). Karteninhalt überprüfen  (Gesamtheit); Raumausschnitt als Vorstellungsrahmen  (raumbegrenzend), Überprüfung inhaltlicher Klassen, Objekte etc. (inhaltlich); Vorkommen, Positionen, Vernetzungen identifizieren (Musterbildung).

Tab. 23.4 Auftreten von Elementhäufungen

In einer Karte, die in der Modellform Choroplethen abgebildet ist, wird beispielsweise allein die Objektklasse „Bevölkerungsdichte“ mit kategorial abgestuften Elementwerten optisch angeboten. Ein wichtiger Analysevorgang besteht darin, Cluster (Häufungen) von Werten, wie etwa von Maximalwerten, zu selektieren. Da der Bedeutung der repräsentierten Elemente für den visuellen Wahrnehmungsvorgang keine besondere Funktion zukommt, erfolgt die Ableitung von Informationen auf der Basis der abbildenden Graphik (graphisch), in diesem Fall also beispielsweise durch eine durch „Helligkeit“ abgestuften Rotskala. Bei der Identifizierung der Clusterungen (Musterbildung) konzentriert sich die Wahrnehmung auf die Verteilungen und Relationen von „rot abgestuften Elementen“ in der Kartenebene (relational) (Tab. 22.4). Choroplethen: Angebot einer Objektklasse mit kategorial abgestuften Elementwerten; Analysevorgang: Feststellen von Werthäufungen (Häufungen);  Ableitung von Informationen  durch die Graphik (visuell); Wahrnehmung der Verteilungen und Relationen von roten Elementen (relational).

Tab. 23.5 Mäandrierende Abschnitte von Flüssen

Die Grundrisse, also der Formenverlauf oder die flächenförmige Ausbreitung von Elementen, sind wichtige Merkmale georäumlicher Objekte. Um bei Flusssystemen ein besonders „typisches“ Merkmal, z.B. im Rahmen des Schulunterrichts, aufzeigen zu können (geometrisch/räumlich), kann die Aufgabe gestellt werden, bei Flüssen (Abschnitt) in einer „Physischen Karte“ (raumbegrenzend), Abschnitte  mit besonders deutlich wahrnehmbaren „Mäanderformen“ zu identifizieren (Elementsuche) (Tab. 22.5). Grundrisse als wichtige Merkmale: Aufzeigen des Flussverlaufs (räumlich-topologisch); sämtliche Flüsse (Abschnitt); „Physischen Karte“ (raumbegrenzend); „Mäanderformen“ identifizieren (Elementsuche).
Natürlich lässt sich das Konzept der Visuellen Kenngrößen noch erweitern und verfeinern, um ein schärferes Profil von Zielvorstellungen zu erhalten. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass vermutlich dem Wahrnehmenden nur in den seltensten Fällen diese Kenngrößen als konkretes gedankliches „Aktionskonstrukt“ zur Verfügung stehen. Es ist wahrscheinlicher, dass diese sich erst im Verlauf des Wahrnehmungsprozesses gedanklich bilden, verfestigen oder auch modifizieren. Dem Wahrnehmenden stehen in den seltensten Fällen „Kenngrößen“ als konkretes gedankliches „Aktionskonstrukt“  zur Verfügung

Abb. 23.3
„Vorstellungseinheiten“ im kartographischen Wahrnehmungsprozess

2.3.3 Gedankliche Vorstellungseinheiten

Im Verlauf eines kartographischen Wahrnehmungsprozesses können bestimmte Schwerpunkte oder Phasen der Informationsverarbeitung und Wissensbildung unterschieden werden. So zeichnet sich besonders, wie schon ausgeführt wurde, die am Anfang eines Wahrnehmungsprozesses wirkenden Vorgänge aus, in denen, in Abhängigkeit von vorausgehenden Erfahrungs- und Lernsituationen, noch nicht verfügbare Reiz- und Bedeutungskonstrukte angeboten werden und diese extrahiert und verarbeitet werden müssen. Diesem ersten Wahrnehmungsabschnitt stehen, als zentraler Prozessbereich, die eigentlichen Vorgänge der Informationsgewinnung und -verarbeitung, gegenüber. Als dritter Bereich lassen sich Vorgänge separieren, die dazu führen, dass abgeleitete Informationen weiterverarbeitet, verglichen, überprüft und in andere Informationsformen oder Wissensstrukturen transformiert sowie gegebenenfalls langfristiger gespeichert werden. In konzeptioneller Hinsicht werden diese drei Wahrnehmungsabschnitte im Folgenden als „Vorstellungseinheiten“ bezeichnet. Aus dem Verlauf eines kartographischen Wahrnehmungsprozesses können bestimmte Schwerpunkte oder Phasen der Informationsverarbeitung und Wissensbildung unterschieden werden.
Vorstellungseinheiten können als „zeitliche Phasen“ verstanden werden, aber auch als zusammenwirkende Operationen und Prozesse, die auf spezifische Wahrnehmungsziele ausgerichtet sind. Ein Kartographischer Wahrnehmungsprozess ist ein zeitlich ausgedehnter Vorgang, der durch Unterbrechungen, Wiederholungen, externe Tätigkeiten u.ä. gekennzeichnet ist und in dem die drei Vorstellungseinheiten zur Wirkung kommen. Insgesamt orientieren sich diese Prozesse vorwiegend an den oben genannten „visuellen Kenngrößen“. Dabei können sich die Kenngrößen im Rahmen der jeweiligen Vorstellungseinheiten im Verlauf des Wahrnehmungsprozesses verändern und sich in ihren Wirkungen räumlich und zeitlich erweitern oder reduzieren. Die drei Vorstellungseinheiten der Wahrnehmung können als „zeitliche Phasen“ verstanden werden, aber auch als „Einheiten spezifischer Operationen und Prozesse“, die auf spezifische Wahrnehmungsziele ausgerichtet sind.
Das im Folgenden dargestellte Konzept visueller Kenngrößen im Rahmen von  Vorstellungseinheiten ist also einerseits als ein Zusammenwirken von repräsentiertem Wissen und gedanklichen Fähigkeiten mit bestimmter Ausrichtung aufzufassen und andererseits als Prozessphasen, die nacheinander aber auch wechselnd-parallel den Wahrnehmungsprozess konstituieren.

Unterschieden werden

Für den Wahrnehmungsprozess ergeben sich gedankliche Einheiten“ visueller Kenngrößen“:
  • Zieleinheit mit Wissen zur visuell-gedanklichen Ausrichtung der Wahrnehmung auf Merkmale eines vorgesehenen Operationsfeldes,
  • Aktionseinheit mit Wissen zur Initiierung des Aktionspotentials und für die Durchführung von informationsbildenden Prozessen und
  • Ergebniseinheit mit Wissen und Fähigkeiten zur Ableitung von „Ergebnisinformationen“ oder als Resultat eines Wahrnehmungsvorgangs, dass als sogenanntes „Perzept“ auf den Handlungsraum ausgerichtet ist.
Unterschieden werden
–  Zieleinheit
–  Aktionseinheit,
–  Ergebniseinheit.
Mit diesen Einheiten wird der gedankliche Rahmen abgegrenzt, in dem ein Wahrnehmungsvorgang erfolgen kann (vgl. Abb. 22.4). Die drei Einheiten unterliegen dabei im Wahrnehmungsprozess einer andauernden Angleichung an gedankliche Vorstellungen und an sich eventuell verändernde Bedingungen im Zeichen- und Handlungsraum. Dabei ist vorstellbar, dass ihre Funktionen über den gesamten Wahrnehmungsprozess anhalten oder sich die Ausprägungen der visuellen Kenngrößen verändern und damit die Wirkungen im Wahrnehmungsprozess verstärken oder abschwächen. Außerdem kann sich der „gedankliche Einfluss“ der Einheiten beliebig wiederholen oder nur abschnittsweise zur Wirkung kommen: Die Einheiten unterliegen einer Angleichung an gedankliche Vorstellungen und sich verändernde Bedingungen im Zeichen- und Handlungsraum. Der „gedankliche Einfluss“ der Einheiten kann sich beliebig wiederholen oder nur abschnittsweise zur Wirkung kommen.
Für die Zieleinheit wird die visuell-gedankliche Eingrenzung eines “visuellen Operationsfeldes“ angenommen, auf das die folgenden Prozesse der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung ausgerichtet werden sollen. Dabei werden, entsprechend vorgegebener Zielvorstellungen, relevante graphische oder inhaltliche Elementklassen identifiziert, woraus gegebenenfalls nichtrelevante Klassen abgeleitet und visuell isoliert werden. Dieser Vorgang muss sich beim Wahrnehmenden nicht zwangsläufig als „methodische Überlegung“ zeigen, sondern er kann auch insgesamt oder nur zum Teil als Impuls wirken, der sich aus einem „unbekannten“ oder „unübersichtlich“ wirkenden graphischen Szenarium entwickelt.  Aufgabe der „Zieleinheit“ ist es, diesen visuell ausgegrenzten Bereich gedanklich latent zu speichern, um ihn für den folgenden informationsbildenden Prozess zur Verfügung stellen zu können. Insgesamt ist dieser Vorgang nicht als eine abgeschlossene Phase zu verstehen, sondern er kann sich im Verlauf des gesamten informationsbildenden Prozesses wiederholen und dann z. B. in Verbindung mit schon abgeleiteten Informationen zu veränderten „Operationsfeldern“ führen. Für die Zieleinheit wird die visuell-gedankliche Eingrenzung eines “visuellen Operationsfeldes“ angenommen, auf das die folgenden Prozesse der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung ausgerichtet werden sollen.
Die Parameter der Zieleinheit werden im Gesichtsfeld des Wahrnehmenden, also in der Regel in der gesamten Fläche einer Präsentation, bestimmt. Damit werden das Blickverhalten und der visuell-gedankliche Verlauf der Wahrnehmung auf zu extrahierende informationstragende Konstrukte gelenkt. Allerdings können zum Wahrnehmungseinstieg die Aufmerksamkeit und das Blickverhalten auch zum großen Teil unabhängig von den verfügbaren Zielvorstellungen beeinflusst werden. So werden beispielsweise Elemente, die aufgrund von Farb-, Größen- und Formkontrasten sich in ihrer Reizstärke besonders hervorheben, automatisch und unbewusst in das Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt sein (sog. „Pop-out-Effekt“; vgl. Teil A, Kap. 4.1.2.3), so dass sich das Blickverhalten an diesen „visuell hervorgehobenen Elementen“ orientiert.  Erst danach erfolgt eine Verlagerung der Aufmerksamkeit und wird auf gedankliche Merkmale von Zielvorstellungen gelenkt, also unmittelbar durch diese beeinflusst. Mit der Zieleinheit wird der Wahrnehmungsprozess in der gesamten Fläche einer Präsentation bestimmt: Lenkung  des Blickverhalten und des visuell-gedanklichen Verlaufs der Wahrnehmung auf informationstragende Konstrukte.
Für die Aktionseinheit steht die visuell-gedankliche Identifizierung von Elementen entsprechend vorgegebener Zielvorstellungen im Mittelpunkt. Dabei kann es sich um einen elementaren Prozess handeln, in dem lediglich aus einer vorgegebenen Klasse ein einzelnes Element selektiert und extrahiert werden soll, also beispielweise ein „Name“, ein“ Objekt“, eine „Position“ oder ein bestimmtes „Merkmal“. In einem weitergefassten Fall kann es sich um einen komplizierten musterbildenden Prozess handeln, in dem georäumliche, substanzielle und graphische Relationen identifiziert, verglichen und konstruktiv abgegrenzt sowie visuell extrahiert werden. Für diesen Vorgang kann es beispielweise erforderlich sein, das in der Zieleinheit abgegrenzte Operationsfeld zu erweitern, um lagemäßig nicht berücksichtigte Klassen oder Elemente mit informationstragenden Elementen der Aktionseinheit visuell zu verknüpfen. Für die Aktionseinheit steht die visuell-gedankliche Identifizierung von Elementen entsprechend vorgegebener Zielvorstellungen im Mittelpunkt.
Für die Ergebniseinheit steht die Aufbereitung von identifizierten und extrahierten Ergebniskonstrukten im Mittelpunkt. Der wichtigste Faktor georäumlicher Wahrnehmungsprozesse ist die gedankliche und häufig auch kommunikative Verwertung abgeleiteter Informationen. So ist es in vielen Fällen nicht möglich, ein visuell abgeleitetes Informationskonstrukt entsprechend der repräsentierten graphischen Struktur gedanklich zu speichern. Dies betrifft besonders differenzierte Objektgrundrisse oder  große Mengen unterschiedlicher Zeichen, deren Umfang und graphische Ausprägungen zu groß und zu komplex sind. Sie werden deshalb z. B. in  abstraktere Wissensformen transformiert und können danach reduziert gedanklich weiterverarbeitet werden. Für die Ergebniseinheit steht die Aufbereitung von identifizierten und extrahierten Ergebniskonstrukten im Mittelpunkt.