B 5.5 Spuren als Hinweise im kartographischen Wahrnehmungsprozess

5.5 Spuren als Hinweise im kartographischen Wahrnehmungsprozess

Abgegrenzte Sprachprodukte können nach Blühdorn (2006, S. 280) als Mikrotexte markiert  und mit dem „Individuenbegriff Text“ bezeichnet werden. Makrotexte sind Einheiten, die aus zahlreichen, aufeinander bezogenen Mikrotexten bestehen, die verknüpft sind, die aber auch unverbunden nebeneinander stehen können. Dabei erfolgt der offene Zugriff auf Mikrotexte im Rahmen von Makrotexten auf der Basis einer rhizomatischen Struktur. Abgegrenzte Spracheinheiten können als Mikrotexte bezeichnet werden.

Makrotexte bestehen aus mehreren Mikrotexten.

 

Dieser textwissenschaftliche Ansatz bezieht sich auf Texteinheiten, die organisatorisch getrennt und rizomatisch („offen“) verkettet sind und deren Zusammenhang aufgrund von Kohärenzerscheinungen, also von „inhaltlichen Verwandtschaften“ gebildet werden können. Eine ähnliche Organisationsstruktur finden wir auch bei digitalen Karten oder Kartenwerken, bei denen beispielsweise verschiedene Themen in offener Struktur zusammengestellt sind sowie interaktiv in beliebiger Reihenfolge aufgerufen werden. Ein aktuelles Beispiel ist der „Energieatlas Berlin“, bei dem dieser genannte Zusammenhang unmittelbar nachvollzogen werden kann (vgl. Berlin SenWiEnBe 2018). Dabei wäre es beispielsweise hilfreich, beim Gebrauch von digitalen Kartenwerken die Reihenfolge des Zugriffs und die aufgerufenen Themen als (Spuren-)verlauf zu registrieren und die daraus zu Verfügung stehenden Abfolgen von Themen als „Rezeptionshilfe“ zu verwenden. Dieser textwissenschaftliche Ansatz bezieht sich auf Texteinheiten, die organisatorisch getrennt sind und die zu einem Gesamttext zusammengefasst werden.

Eine ähnliche Organisationsstruktur finden wir auch bei digitalen Karten, bei denen verschiedene Themen interaktiv zusammengestellt werden.

Diese medial-organisatorische Struktur soll im Folgenden auf visuell-gedankliche Prozesse der Bedeutungsbildung in Karten übertragen werden, um damit eine sukzessive Verkettung gedanklicher Bedeutungseinheiten im Verlauf eines abgeschlossenen Wahrnehmungsprozesses  mit Hilfe visuell-gedanklicher Spuren diskutieren zu können. Es soll eine Verkettung gedanklicher Bedeutungseinheiten in Form von Spuren  diskutiert werden.

5.5.1 Prozessualer Charakter kartographischer Spuren

Im Zusammenhang mit einem kartographischen Spurenansatz kann vorausgesetzt werden, dass sich die Gewinnung von Informationen oder Wissen in Karten in Form von gedanklichen Vorgangsphasen vollzieht und die aufgrund der großflächigen zweidimensionalen Kartenebene gedanklich zu separaten Bedeutungseinheiten führen. Diese Vorgangsphasen beziehen sich jeweils auf bestimmte Abschnitte des Kartenbildes, die durch eine Menge von Blickbewegungen erfasst werden und als zusammenggehörige Zeichenbedeutungen gedanklich zur Verfügung stehen. Sie können dabei weiterverarbeitet oder gegebenenfalls vollständig bzw. in bestimmten Abschnitten verworfen werden. Insgesamt wird also angenommen, dass im Prozess der Kartenwahrnehmung Zeichenbedeutungen gedanklich als separate Einheiten erkennbar werden und sich von weiteren Einheiten abgrenzen. Diese gedanklichen Einheiten können formal als kartographische Mikroeinheiten aufgefasst werden, die im Zusammenhang mit dem Gesamtergebnis des jeweiligen Wahrnehmungsprozesses eine kartographische Makroeinheit bilden. Bei dem folgenden kartographischen Spurenansatz wird vorausgesetzt, dass sich die Gewinnung von Informationen oder Wissen in Karten in Form von gedanklichen Phasen vollzieht.

Im Wahrnehmungsprozess werden Zeichenbedeutungen als separate Einheiten gedanklich zusammengefasst und von weiteren Einheiten abgegrenzt.

Die Einheiten oder Wahrnehmungsphasen sind nicht unbedingt identisch mit visuell verfolgten optischen Zusammenhängen, die sich z.B. zur Musterbildung nach den sogenannten „Gestaltfaktoren“ ergeben (vgl. Teil A Kap. 3.4.2.2 und Dickmann 2018, S. 130ff). So führt etwa der Faktor „Kontinuität“ dazu, dass ein Linienverlauf automatisch visuell verfolgt wird, auch bei einer Kreuzung und Unterbrechung durch andere Linien. Oder der Faktor „Geschlossenheit“ führt dazu, dass zwei Elemente, die nicht graphisch verbunden sind aber eine gestalterische Einheit bilden, als solche wahrgenommen werden. Die räumliche Bedeutungsbildung wird zwar von diesen Faktoren als visuelle Grundlage beeinflusst, führt aber, wie gezeigt wird, zu darüber hinausgehenden gedanklichen Bedeutungsverknüpfungen. Diese Einheiten oder Wahrnehmungsphasen sind nicht identisch mit visuell verfolgten optischen Zusammenhängen, die sich z.B. zur Musterbildung aus den sogenannten „Gestaltfaktoren“ ergeben.
Diese Annahme lässt sich in zweierlei Hinsicht erklären und begründen: Zum einen werden Zeichenbedeutungen, in der elementarsten Form, durch die Verfolgung von Grundrissverläufen, gegebenenfalls mit Registrierung eines umschlossenen Areals oder Musters, durch die Erreichung von (Zeichen-) Positionen und durch die Herstellung von Zeichenrelationen gedanklich verarbeitet. Dabei werden diese Zeichenbedeutungen im Rahmen von einzelnen Phasen aufgenommen aber auch wieder vernachlässigt. Zu unterscheiden sind dazu kurzzeitige Behaltensformen z.B. im sogenannten „sensorischen Register“ (nach Baddeley 2012; neurowissenschaftlich Wong et al. 2009), bei denen zu verfolgende graphischen Elemente aufgrund der Verlagerung der Aufmerksamkeit zum nächsten Element automatisch vergessen werden oder aber im anderen Fall willentlich weiterhin durch Verlagerung ins „Arbeits- oder Langzeitgedächtnisses“ zur Verfügung stehen.  Zum Abschluss des Vorgangs stehen (am „Zielort“) entweder die dort angebotenen Bedeutungen oder das Verknüpfungsergebnis der im Vorgang tangierten Bedeutungen gedanklich zur Verfügung.

Die einzelnen visuell-gedanklichen Vorgangsphasen werden jeweils durch den erforderlichen Aufwand an Blickbewegungen, durch die Komplexität der aufgenommenen Informationen sowie durch die verwendeten methodischen Eigenarten des Rezeptionsvorgangs beeinflusst und begrenzt. Hierzu können im Abschnitt C dieser Arbeit mit Hilfe der dort erläuterten Blickbewegungsmessungen weitere Hinweise gegeben werden.

Können also Vorgangsphasen in dieser Form konstatiert werden, ergibt sich daraus die Folgerung, dass es im Rahmen eines „abgeschlossenen“ kartographischen Wahrnehmungsprozessen in der Regel  zu einer Menge von Phasen kommt, die vom Rezipienten sukzessive in bestimmte gedankliche Beziehungen gestellt werden.

Bedeutungen von Zeichen werden aufgenommen durch

  • Verfolgung von Grundrissverläufen,
  • Registrierung von Arealen und Mustern,
  • Registrierung von (Zeichen-) Positionen,
  • Herstellung von Nachbarschaften (aus Zeichenrelationen)

Gedankliche Aufnahme eines räumlichen Kartenabschnitts wird beeinflusst und begrenzt durch

  • Blickbewegungsaufwand,
  • Komplexität aufgenommener Informationen,
  • verwendeter methodischer Eigenarten des Rezeptionsvorgangs.

5.5.2 Vorgangsphasen als Mikroeinheiten

In Anlehnung an die Begrifflichkeiten der Sprach- und -Textwissenschaften, sollen also kartographische Vorgangsphasen formal als „Mikroeinheiten“ betrachtet werden, auf die gedanklich in einer bestimmten Abfolge zugegriffen wird. Jeder Folgezugriff ist dabei abhängig von der in der Karte vorgefundenen räumlichen Nähe und der inhaltlichen (kohärenten) Bedeutungsverwandschaft der zu verknüpfenden Mikroeinheiten. In den Textwissenschaften wird für die Bildung eines Zusammenhangs von Bedeutungsphasen bzw. Mikroeinheiten von „Ähnlichkeitsbeziehungen“ und „Angrenzungsbeziehungen“ gesprochen. Nach Blühdorn (2006, S. 284) können – auf die Kartographie sinngemäß übertragen – zwei gedankliche Ausrichtungen auf Mikroeinheiten unterschieden werden: Kartographische Vorgangsphasen können als „Mikroeinheiten“ betrachtet werden.

Sie bilden einen Zusammenhang durch

„Ähnlichkeitsbeziehungen“ und „Angrenzungsbeziehungen“:

  • die Ausrichtung auf die „zentripetalen“ Kräfte in Mikroeinheiten, also auf Kräfte, die eine Mikroeinheit zusammenhalten und nach außen abgrenzen (als Ähnlichkeitsbeziehungen).
  • die Ausrichtung auf die „zentrifugalen“ Kräfte in Mikroeinheiten, also auf Kräfte, die eine Mikroeinheit nach außen hin mit anderen Mikroeinheiten verknüpfen können (als Angrenzungsbeziehungen).
„zentripetale“ Kräfte halten Mikroeinheiten nach innen zusammenhalten;

„zentrifugale“ Kräfte verknüpfen Mikroeinheiten nach außen.

In der Texttheorie wird dargestellt, dass Mikrotexte aufgrund ihrer „zentripetalen Kräfte“ als „Textsorten“ einen inneren Zusammenhalt in separierten Spracheinheiten bilden. Sie grenzen sich damit gleichzeitig zu anderen Mikrotexten ab oder aber sie können aufgrund „zentrifugaler Kräfte“ einen Zusammenhang mit angrenzenden Mikrotexten bilden. Der Begriff „Textsorten“ ist ein vielinterpretierter Begriff aus der Textlinguistik und bezeichnet Kriterien, wie etwa die sprachliche oder graphische Form einer Präsentation, das Thema, die Themenbindung und den Themenverlauf.  Durch die Einbettung in Makrotexte werden Mikrotexte in ihrer fortschreitenden intertextuellen Vernetzung gedeutet. Mikrotexte bilden aufgrund bestimmender „Textsorten“ einen inneren Zusammenhalt,

sie können aufgrund ihrer Ähnlichkeiten einen Zusammenhang mit angrenzenden Mikrotexten bilden;

 

Es soll also die Verständlichkeit von Texten durch die gezielte Bestimmung von einzelnen Texteinheiten und durch die Abstimmung ihrer Verknüpfungen im Rahmen eines Makrotextes gefördert werden. Im Bereich Multimedia spielen natürlich die unterschiedlichen Formen von Medien, die verlinkt zur Kommunikation angeboten werden, eine besondere Rolle. Dieser Aspekt wird aber für den Prozess der „Spurensuche in Karten“ an dieser Stelle nicht berücksichtigt, da lediglich der unmittelbare Inhalt einer einzelnen Karte angesprochen ist. Ein wichtiges Vergleichskriterium zwischen Sprache und Karte ist die schon angesprochene, in den Sprachwissenschaften angenommenen „Nichtlinearität von Texten“, die aus theoretischer Sicht vergleichbar ist mit der Verteilung und Verknüpfung von Elementen in der zweidimensionalen Kartenebene. Die Verständlichkeit von Texten soll durch die gezielte Bestimmung von einzelnen Texteinheiten im Rahmen eines Makrotextes gefördert werden.

Ein Vergleichskriterium zwischen Sprache und Karte ist die Nichtlinearität von Texten und die Verteilung von Elementen in der zweidimensionalen Kartenebene.

Was kann dann als „Spur“ im kartographischen Rezeptionsprozess aufgefasst werde? Definitorisch bietet der Grammatologische Ansatz nach Jacques Derrida (2015) einige Aspekte, die zur oben genannten Differenzierung von Mikroeinheiten bzw. Rezeptionsphasen einen Beitrag leisten könnten (vgl. Kap. 5.4.6). Danach würde mit Hilfe von „Spuren“ gedanklich von einer Mikroeinheit auf die nächste Mikroeinheit verwiesen werden, das heißt auf deren graphischen, geometrischen und inhaltlichen Zeichenmerkmale. Bildlich kann dies mit einem „gedanklichen Knoten“ verdeutlicht werden, der die Verbindung zwischen Mikroeinheiten repräsentiert und an dem mit Hilfe einer Spur bzw. eines Hinweises die Bedeutungsstruktur der dann folgenden Vorgangsphasen vorweggenommen (antizipiert) wird. Im kartographischen Rezeptionsprozess wird mit Hilfe von „Spuren“ von einer Mikroeinheit auf die nächste verwiesen.

Mit Hilfe einer Spur wird die Bedeutungsstruktur der folgenden Vorgangsphasen vorweggenommen (antizipiert).

Die Mechanismen, die zu einer entsprechenden Verknüpfung führen, hängen von einer großen Anzahl unterschiedlicher Bedingungen ab. Dies macht die Eigenart des kartographischen Spurenansatzes aus und kann gegebenenfalls die Struktur kartographischer Rezeptionsvorgänge erklären helfen. Welche Bedingungen eines gedanklichen Spurenhinweises führen also zu der meist automatsch erfolgenden Fortsetzung eines Rezeptionsvorgangs? Die visuell- gedankliche Verknüpfung von Mikroeinheiten im Rahmen eines kartographischen Spurenansatzes berührt dabei mentale Potenziale, das graphisch-optische Angebot im Kartenbild und die situative Konstellation der Kartenrezeption. Die visuell- gedankliche Verknüpfung von Mikroeinheiten berührt

  • sämtliche mentalen Potenziale,
  • graphisch-optisches Angebot im Kartenbild,
  • situative Konstellationen der Kartenrezeption.

5.5.3 Externe Einflussfaktoren im Wahrnehmungsprozess

Welche Bedingungen und Faktoren bestimmen den kartographischen Wahrnehmungsprozess, die nicht unmittelbar von den Zielen oder Bedürfnissen der Wissensfindung ausgehen, diese aber beeinflussen und damit den räumlichen, inhaltlichen und strukturellen Verlauf der Bedeutungsfindung mitbestimmen? Allgemein kann festgehalten werden, dass Zeichenbedeutungen im Kartenfeld – zum Beispiel in einer allgemeinen Übersichtskarte – hochkomplex verteilt und vernetzt sein können. Zeichenbedeutungen im Kartenfeld, z. B. in einer allgemeinen Übersichtkarte, können hochkomplex verteilt und vernetzt sein.
Als physiologisches Phänomen spielt dabei der periphere Blick im Blickverlauf eine Rolle. Wie in Kap 3.3.2 ausgeführt wurde, ist „aufgrund dieser Unterscheidung von zentralem und peripherem Sehfeldbereich und dem relativ kleinen Bereich des Scharfsehens (fovea centralis), bei der Wahrnehmung eine kontinuierliche Neuorientierung der Augen durch Blickrichtungswechsel erforderlich“. Dabei werden durch das periphere Sehen schon Hinweise gegeben, nach denen der Richtung einer peripher wahrgenommener Fortsetzung eines Elements zu folgen ist. Es ist also nicht davon auszugehen, dass sich Spurenhinweise allein aus der Struktur einer im Moment verfügbaren Mikroeinheit, sondern gleichfalls aus den in der Umgebung peripher registrierten Signalen ergeben. Spurenhinweise ergeben sich nicht nur aus der Struktur der gedanklich verfügbaren Bedeutungen einer Mikroeinheit, sondern gleichzeitig aus den in der Umgebung peripher registrierten Signalen.
Neben diesem physiologischen Faktor lassen sich weitere Größen unterscheiden, die den Ablauf des Wahrnehmungsvorgangs besonders mitbestimmen: Größen, die den Ablauf des Rezeptionsvorgangs mitbestimmen:
  • der konventionelle Status des Kartenbildes,
  • die graphisch-optische Detailstruktur im Kartenbild,
  • die Präzision von Zielvorgaben,
  • und die Verfügbarkeit eines methodischen Instrumentariums.
Generell kann vermutet werden, dass diese Größen, in Abhängigkeit von ihren Ausprägungen, den Rezeptionsvorgang beispielsweise beschleunigen, hemmen, effektiver oder offener gestalten. Rezeptionsvorgang kann beschleunigt, gehemmt, effektiver oder offener gestaltet werden.
Der konventionelle Status von Karten, als die zuerst genannte Größe, ist sehr schwer abzugrenzen und zu beurteilen. Wie in Kapitel 5.4.4 ausgeführt wurde, unterliegt der „Stil“ von Karten unterschiedlichen Bedingungen, die sich u. a. aus der Kartenfunktion, dem Umfang und der Anzahl von Nutzungsfeldern („Kartenverbreitung“) bzw. der Häufigkeit und Intensität des Gebrauchs ergeben und woraus sich wiederum deren konventioneller Status ableitet. Unterscheiden lassen sich beispielsweise beim Duktus von Karten Gestaltungsmerkmale, die vom Kartenhersteller geprägt sind, wie es bei Schulkarten, Autokarten, Freizeitkarten der Fall sein kann. Oder bei topographischen Karten, die „nationalspezifisch geprägt“ sein können und die über ein zum Teil völlig unterschiedliches optisches Erscheinungsbild verfügen. Dies kann zu einer spezifischen Akzeptanz verbunden mit unterschiedlichen Rezeptionsgewohnheiten führen. Duktus von Karten: Gestaltungsmerkmale bei Schulkarten, Autokarten, Freizeitkarten;

Topographischen Karten mit „nationalspezifisch geprägter“ Gestaltung;

kann zu einer spezifischen Akzeptanz mit unterschiedlichen Rezeptionsgewohnheiten führen.

Die graphisch-optische Detailstruktur im Kartenbild zeigt sich einmal bei optisch als Einheit wirkenden Elementen, aber auch bei mehreren Elementen, die graphisch im Zusammenhang stehen, wie Abzweigungen, Kreuzungen oder Überschneidungen. Diese Strukturen oder Positionen binden in der Regel den Blick und setzen die Bedeutungsaufnahme am optischen Verlaufsende des aktuellen Elementes fort. Dies gilt für Strecken aber auch für Areale und Muster, deren Verlauf und Gestalt graphisch nicht unterbrochen sind und die daher vermutlich als zusammenhängendes optisches Angebot („Gestaltgebilde“) gewertet werden. Zum anderen lassen sich, als eine häufig auftretende Variante, Elemente unterscheiden, die nicht als graphische Einheiten angeboten sind, die also optisch isoliert in der Kartenebene erscheinen. Bei dieser Detailstruktur können Phänomene wie Dichte, Parallelität und Überlagerung zu speziellen Effekten führen, die vermutlich von spezifischen Bedeutungen geprägt sind. Graphisch-optische Detailstruktur:

Als Einheit wirkende Elemente, die graphisch im Zusammenhang präsentiert werden

Abzweigungen, Kreuzungen oder Überschneidungen.

Als Einzeldetails wirkende Elemente, die optisch isoliert in der Kartenebene erscheinen.

Die Verfügbarkeit eines methodischen Instrumentariums bezieht sich auf die graphische und inhaltliche Struktur einer Karte, die in gelernter und aus Erfahrung konkretisierter Form effektiver rezipiert werden kann. Wenn diese Rezeptionsform vom Rezipienten angeeignet und erfahren wurde und in der entsprechenden Situation zur Verfügung steht, wird dies eine erfolgreiche Ableitung von Informationen fördern. Methodische Rezeptionsformen zeigen sich im Verlauf des Wahrnehmungsvorgangs, wie Methodische Rezeptionsformen:
  • entwickeln einer spezifischen Rezeptionsstrategie,
  • ausrichten der Vorgehensweise auf die Erreichung eines anzitierten Ergebnisses
  • vermeiden von Umwegen,
  • nutzen von Alternativen,
  • erkennen und abwägen von Schwierigkeiten.
Diese Rezeptionsformen unterstützen in der Regel die Bildung einer spezifischen Phasenstruktur im Wahrnehmungsprozess, und es kann vermutet werden, dass sich damit ein erheblicher Einfluss auf die Verkettung von Mikroeinheiten mit Hilfe von Spuren ergibt. Rezeptionsformen führen zur spezifischen Phasenstruktur im Wahrnehmungsprozess.

5.5.4 Kohärenz als Merkmal kartographischer Spuren

Kohärenz gibt an, durch welche geometrischen bzw. inhaltlichen Merkmale und Eigenschaften wahrgenommene Kartenelemente in Form von Vorgangsphasen als zusammenhängend erscheinen. Das bedeutet, dass zum einen das „optische Angebot der Karte“ in visueller und gedanklicher Hinsicht als kohärentes Potenzial zur Verfügung steht und zum anderen diese Erscheinungen sich aus den individuellen Zielen, Interessen und Möglichkeiten des Rezipienten ergeben. Kohärenz gibt an, in welcher Weise Kartenelemente als zusammenhängend erscheinen.

 

Für den Verlauf eines Wahrnehmungsprozesses ist also vermutlich eine mehr oder weniger ausgeprägte Kohärenz zwischen zu verknüpfenden Einheiten maßgebend. Pfister (1985, S.1-30) hat für Sprachformen eine Skalierung von “intertextuellen Verweisen“ differenziert, die sich auch abgewandelt auf kohärente Faktoren einer möglichen kartographischen Spurentheorie übertragen lassen. Bei der folgenden ausgewählten Differenzierung geht es also um den Grad der visuell-gedanklichen Zugänglichkeit kohärenter Merkmale, wie er sich in einem Wahrnehmungsvorgang in Form einer Spur oder in einem Spurenzusammenhang ergibt: Für die Verfolgung einer Spur von Karteneinheiten sind vermutlich bestimmte Kohärenzformen und -eigenschaften maßgebend.

Kohärenzformen von Elementen einer Spur:

  • die Kohärenz der Beziehung von Karteneinheiten, mit der auf die Eigenart oder Bedeutung des folgenden Elementes als Spur hingewiesen ist;
  • die Deutlichkeit kohärenter Bezüge als Anzeige einer Spur, die beim Rezipienten mit Bewusstheit registriert ist;
  • die Deutlichkeit der Markierung kohärenter Beziehungen, die zu hinterfragen sind;
  • die gedankliche Integration einer Folge von zusammengehörigen Spuren in einem vorgestellten Spurenverlauf;
  • die gedankliche Verdeutlichung von Spurenmerkmalen aus der Gesamtbedeutung eines Spurenverlaufs.
Der Grad kohärenter Verweise kann also durch die Ausrichtung auf die Beziehungen von benachbarten Elementen in einer Karte bestimment sein und betrifft das Ergebnis eines schon gedanklich konzipierten bzw. gegebenenfalls einen zu antizipierenden Verlauf einer Spur. Dieser Hintergrund ist wiederum abhängig von der Zielvorstellung, die von dem Grad der Kohärenz bzw. von den sich im Spurenverlauf entwickelnden gedanklichen Vorstellungen mitbestimmt wird. Kohärente Erscheinungen einer Spur ermöglichen in diesem Sinn aber nicht nur die Verknüpfung von Elementen, die zu einem bestimmten Ergebnis führen sollen, sondern auch gleichfalls die Überprüfung von Alternativen, die nicht auf den ersten Blick zugänglich sind. Diese Wissensvergleiche können letztendlich zu einer fortschreitenden und schlussfolgernden (diskursiven) Auseinandersetzung mit dem Karteninhalt führen. Insgesamt ermöglichen kohärente Eigenschaften und rhizomatische Verkettungen von Kartenelementen sowie das Legen, Verfolgen und Erinnern von Spurenketten eine offene Auseinandersetzung mit dem angebotenen Karteninhalt. Kohärenz führt zum gedanklichen Verlauf einer Spur und prägt dessen Ergebnis.

Kohärenz und Rhizomatik: gemeinsame Merkmale von Spurenelementen; unterstützen eine offene Auseinandersetzung mit einem angebotenen Karteninhalt.

5.5.5 Gedankliche Struktur kartographischer Spuren

Kartographische Wahrnehmungsprozesse sind grundsätzlich als komplexe visuell-kognitive Vorgänge zu sehen. Diese Komplexität resultiert besonders aus dem freien und offenen (rhizomatischen) Zugriff auf die syntaktischen und semantischen Nachbarschaften und Verknüpfungen von Elementen in der Kartenebene (vgl. Riethmüller 2012, S. 155ff) Inwieweit dabei beispielsweise „visuell-kognitive Barrieren“ durch graphische Mehrschichtigkeit oder deutliche graphisch-inhaltliche Abgrenzungen bzw. Kontraste, wie etwa Strukturierungen in „Meer, Tiefland und Gebirge“, einer angenommenen rhizomatischen Verteilung entgegenstehn, soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Generell ist aber davon auszugehen, dass sich der Rezipient im Kartenbild visuell-gedanklich frei bewegen und orientieren kann. Damit steht es ihm theoretisch frei, von einer Vorgangsphase (Mikroeinheit) aus, mit Hilfe eines Spurenhinweises mit jedem angebotenen Ort oder Element im Kartenbild einen Bedeutungszusammenhang herzustellen. Kartographische Wahrnehmungsprozesse sind komplexe visuell-kognitive Vorgänge.

Dies resultiert u.a. aus dem „rhizomatischen Zugriff“ auf Zeichenelemente in der Kartenebene.

Der Rezipient kann sich daher im Kartenbild visuell-gedanklich frei „bewegen“ und orientieren.

Die Aufnahme von geräumlichen Informationen und Wissen in Karten kann durchaus unstrukturiert oder überraschend verlaufen, d.h. durch Wiederholungen, räumliches Einengen, inhaltliches Verdichten, Überprüfen, Korrigieren u.ä. geprägt sein. Das heißt im Wahrnehmungsverlauf können radikale Unterbrechungen entstehen, die einer kontinuierlichen Bedeutungsrezeption nicht mehr entsprechen. Gegebenenfalls wird der Verlauf der Bedeutungsfindung durch weitere Formen, die parallel angelegt, aus Vorstellungen und visuell anders positionierten Bedeutungsaspekten neu ausgerichtet sind, unterbrochen oder beendet. Es könnten also damit zwei unterschiedliche Aspekt von Spuren unterschieden werden:

  • Spuren als Hinweise zur unmittelbaren Fortsetzung der Bedeutungsfindung mit Beibehaltung des antizipierten Wahrnehmungsverlaufs.
  • Spuren als Hinweis auf eine Veränderung der Bedeutungsfindung mit Abweichung vom antizipierten Wahrnehmungsverlauf.
Die Aufnahme von Informationen in Karten kann unstrukturiert oder überraschend verlaufen: es entstehen Wiederholungen, räumliches Einengen, inhaltliches Verdichten, Überprüfen, Korrigieren u.ä.

Es können zwei unterschiedliche Funktionen von Spuren unterschieden werden:

Für Spuren als Hinweise zur unmittelbaren Fortsetzung der Bedeutungsfindung steht, wie schon angedeutet wurde, vermutlich die Ausprägung der Kohärenz bzw. der graphische (optische) und inhaltliche Zusammenhang von Bedeutungseinheiten im Mittelpunkt. Dieser Zusammenhang ist durch die Stringenz der Verfolgung seiner Verknüpfung gekennzeichnet. Die visuelle Verfolgung eines Straßenverlaufs, einer Grenze oder eines Flusssystems, aber auch die visuell-gedankliche Aneignung von Wasser- und Vegetationsarealen oder abstrakten thematischen Flächen und Orten auf Oberflächen basiert auf der inhaltlicher Verwandtschaft mit der jeweils folgenden Rezeptionsphase. Diese Kohärenz muss sich dabei sowohl im ausgehenden Spurenhinweis als auch in der zu erwartenden (antizipierten) Bedeutung der jeweils folgenden Einheit (Phase) zeigen. Unterstützt wird die Bildung von gedanklichen Zusammenhängen durch Elemente, die im peripheren Gesichtsfeld aufgenommen werden und die aufgrund ihrer räumlichen und gegebenenfalls inhaltlichen Nachbarschaft zur Verknüpfungen von Bedeutungen, also zur Fortsetzung des Wahrnehmungsverlaufs beitragen. Für die visuell-gedanklichen Fortsetzung der Bildung einer Bedeutungsfolge ist wahrscheinlich die Ausprägung der zugehörigen Kohärenz maßgebend.
Mit dem zweiten Aspekt kommt Spuren eine Funktion zu, die bisher noch nicht betrachtet wurde. Sie weist auf die Verbindung und Verfolgung eines Bedeutungsstrangs von räumlich nichtzusammenhängenden Elementen hin und führt zum Einbringen neuer Vorstellungen oder Anreize in die Bedeutungsfindung. Dies ergibt ein weites Feld von Spuren, bei denen besonders voneinander unabhängige inhaltliche und räumliche Hinweise eine Rolle spielen und die sich vor allem aus dem weiteren Kontext des Karteninhalts oder zumindest aus dem Zusammenhang des jeweiligen Bedeutungsstrangs ergeben. Damit sind nicht nur isoliert verortete Elemente angesprochen, die  unterschiedliche räumliche Abstände zueinander aufweisen, sondern ebenso Elemente, die mit anderen Elementen graphisch etwa durch eine gleiche Helligkeitsabstufung und inhaltlich, derselben Klasse angehörig, verbunden sind,  Besonders markant sind sicherlich Wertvergleiche und -verknüpfungen z.B. im Rahmen der kartographischen Modellform „Choroplethen“, bei der ein rascher Blick- bzw. Ortswechsel und eine Bedeutungsfindung zwischen Flächen, die nebeneinander aber auch weitentfern und getrennt verteilt angeboten sind, zu erwarten ist. Der zweite Aspekt weist nicht auf die Verfolgung eines Bedeutungsstrangs hin, sondern auf das Einbringen neuer Vorstellungen der  Bedeutungsfindung.

Hier spielen vermutlich besonders unabhängige inhaltliche und räumliche Hinweise eine Rolle.

Besonders markant sind Wertvergleiche, bei denen ein rascher Blickwechsel mit Bedeutungsaufnahme zu erwarten ist.

Damit sollen erste konzeptuelle Überlegungen zum Abschnitt „kartographische Spurenkonzepte“ abgeschlossen sein. Es stellt sich dabei die Frage, welcher kartographische und gegebenenfalls kulturwissenschaftliche Stellenwert dem Ansatz zukommen kann und in welcher Form und Richtung die dargestellten Überlegungen weitergeführt werden können. Damit wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit der Abschnitt „kartographisches Spurenkonzept“ abgeschlossen.

5.5.6 Zusammenfassung

Die Gewinnung von geräumlichen Informationen und Wissen in Karten kann, in Abhängigkeit von der Struktur des vorliegenden Kartenbildes, der vorgegebenen Aufgabenstellung sowie den mentalen Fähigkeiten und dem verfügbaren Wissen des Rezipienten, logisch nachvollziehbar aber auch durchaus unstrukturiert verlaufen. So werden Orte in ihrer Position identifiziert, angebotene Elemente in der Kartenebene visuell verfolgt und Nachbarschaften durch visuell-gedankliche Verknüpfungen abgeleitet. In all diesen Fällen wird im Rahmen des kartographischen Spurenkonzeptes vorausgesetzt, dass sich im rhizomatisch strukturierten Kartenbild bedeutungstragende Wahrnehmungsphasen ergeben, in derem Rahmen aufgenommene Zeichenbedeutungen in Form von Mikroeinheiten zusammengefasst sind. Die Phasen resultieren aus einer unterschiedlichen Anzahl von Blickverläufen, die der Kohärenz angebotener Informationen folgen und die visuell-gedanklich mit Hilfe von zu entdeckenden Spuren auf eine Folgephase verweisen. Dabei trägt die gedankliche Verfügbarkeit der aufgenommenen und konzeptualisierten Bedeutung und die im entsprechendem Wahrnehmungsprozess wirkenden Spurhinweises dazu bei, individuellen und aufgabenspezifischen Wahrnehmungsstrategien zu folgen oder zu entwickeln, um so effektiv und erfolgreich zu einem Ergebnis zu gelangen. Wahrnehmungsphasen in Karten resultieren aus einer unterschiedlichen Anzahl von Blickverläufen, die der Kohärenz angebotener Informationen folgen und die visuell-gedanklich mit Hilfe von zu entdeckenden Spuren auf eine Folgephase verweisen.

Die gedankliche Verfügbarkeit der aufgenommenen Bedeutung und die im entsprechendem Wahrnehmungsprozess wirkenden Spurhinweises tragen dazu bei, effektiv und erfolgreich zu einem Ergebnis der Wissensgewinnung zu gelangen.

Das vorgestellte „kartographische Spurenkonzept“ hat das Ziel, den systematischen Zugriff auf die gedankliche Organisationsstruktur von bedeutungsgewinnenden Rezeptionsprozessen (nicht Blickbewegungen) in der Kartenebene zu erfassen. Es ist bisher kaum möglich, den Prozess der Wissensgewinnung im zwei- oder mehrdimensionalen Raum der Karte nachzuvollziehen und daraus Erkenntnisse über die Effizienz oder generell das Funktionieren von Karten zu gewinnen. Insgesamt ist das Konzept besonders sprach- und textwissenschaftlichen Spurenansätzen gefolgt, wobei der für Karten wesentliche georäumliche Aspekt der Wissensbildung grundsätzlich über den sprachtheoretischen Ansatz hinausweist. Das Spurenkonzept folgt im weitesten Sinn sprach- und textwissenschaftlichen Spurenansätzen, besonders denen nach Jacques Derrida, wobei der für Karten wesentliche georäumliche Aspekt der Wissensbildung über den sprachtheoretischen Ansatz  hinausweist.